20.08.2017, 08.01 Uhr

Lobotomie: Eispickel ins Gehirn - So wurden psychisch Kranke früher "geheilt"

Bei der transorbitalen Lobotomie wird ein dünner Eispickel am Auge vorbei ins Gehirn eingeführt. Durch rhythmische Bewegen sollen falsch verknüpfte Nervenbahnen getrennt werden.

Bei der transorbitalen Lobotomie wird ein dünner Eispickel am Auge vorbei ins Gehirn eingeführt. Durch rhythmische Bewegen sollen falsch verknüpfte Nervenbahnen getrennt werden. Bild: Fotolia_elena_h

Von news.de-Redakteurin Maria Ganzenberg

Zahlreiche Horrorfilme handeln von den brutalen Methoden, die noch vor wenigen Jahren an psychisch Kranken angewendet wurden, um sie angeblich zu heilen. Meist war es jedoch die reinste Folter. So wurden Menschen unter anderem in Eiswasser getaucht. Halb ertränkt und erfroren sollte sich ihr Zustand bessern. Wenn das nicht half, wurden Elektroschocks angewendet, um die Patienten ruhig zu stellen.

Eine besonders fragwürdige Behandlung wurde 1935 von dem portugiesischen Neurologen António Egas Moniz erfunden. Mit der sogenannten Lobotomie wollte er eigentlich Psychosen, Depressionen und starke Unruhe heilen. Stattdessen löste er eine Massenverstümmelung aus.

Walter Freeman erfindet transorbitale Lobotomie

1936 erfährt Walter Freeman von der Methode und ist begeistert. Der Psychiater ist bekannt dafür, Schocktherapien zu unterstützen. Er selbst spritzt Patienten Insulin und Metrazol, das sie so sehr krampfen lässt, dass sie sich teilweise ihre Knochen brechen. Nur um sie wieder zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, denn die Psychiatrien in den USA sind überfüllt. Zu diesem Zeitpunkt ist noch sehr wenig über das menschliche Gehirn bekannt. Man weiß lediglich, dass in den Stirnlappen unzählige Nervenfasern verzweigt sind. Freeman ist sich sicher, dass sich diese neu verbinden, wenn man sie mit einem Skalpell trennt.

Er entwickelt die Methode des Portugiesen weiter. Statt komplizierte Schnitte durch die Schädeldecke durchzuführen, nimmt er sich einen kleinen Eispickel und geht direkt durch die Augenhöhle in den vorderen Stirnlappen. Diesen Vorgang nannte er "transorbitale Lobotomie" und hofft auf den Nobelpreis, denn die Technik dauert lediglich sieben Minuten. Doch die Auszeichnung erhält 1949 Moniz.

Diese Menschen wurden Opfer der Lobotomie

Menschen, an denen Freeman seine Lobotomie anwendet, leiden anschließend an Apathie, Hirnschäden und Charakterveränderungen. Oft müssen sie gefüttert werden und sind nicht mehr in der Lage ein selbstständiges Leben zu führen. Viele sterben bei dem Eingriff. Auch Rosemary Kennedy, die Schwester des späteren US-Präsidenten, wurde 1941 Opfer einer Lobotomie. Nach der Operation hatte sie den Verstand eines Kindes und verbrachte den Rest ihres Lebens in geschlossenen Anstalten.

Evita Perón hat sich kurz vor ihrem Tod einer Lobotomie zur Schmerzlinderung unterzogen.

Evita Perón hat sich kurz vor ihrem Tod einer Lobotomie zur Schmerzlinderung unterzogen. Bild: dpa

Eva "Evita" Perón wurde ebenfalls kurz vor ihrem Tod lobotomiert. Die Frau des Präsidenten Juan Perón litt an Gebärmutterhalskrebs und hatte starke Schmerzen. Die Lobotomie sollte diese unterbinden. Nur wenige Wochen nach dem Eingriff starb sie im Alter von 33 Jahren.

3.500 Operationen! Walter Freemann lobotomiert im Akkord

Walter Freemans Eispickel-Lobotomie wird in der Fachwelt skeptisch beäugt. Doch das hält seinen Erfolg nicht auf. Er operiert wie am Fließband. Bis 1967 behandelt er um die 3.500 Menschen. Doch der Vorstoß der Psychopharmaka machen seinen riskanten Eingriff bald überflüssig. Als eine Patientin drei Tage nach der Lobotomie an einer Gehirnblutung stirbt, wird ihm die Erlaubnis, zu operieren, entzogen. Aus Verzweiflung verkauft er sein Haus und zieht mit einem Wohnwagen durch Amerika, um seinen Ruf wieder herzustellen. Doch vergebens. Die Medizin hatte sich weiterentwickelt, während sich Freeman mit seinem Wohnwagen im Kreis drehte.

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mag/fka/news.de
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