07.01.2019, 08.55 Uhr

Hacker-Angriff auf deutsche Politiker: Hausdurchsuchung nach Daten-Klau bei Politikern

Alle Parteien außer AfD betroffen: Bei einem Hacker-Angriff wurden vertrauliche Daten von deutschen Politikern ins Netz gestellt.

Alle Parteien außer AfD betroffen: Bei einem Hacker-Angriff wurden vertrauliche Daten von deutschen Politikern ins Netz gestellt. Bild: dpa

Die Veröffentlichung massenhafter Daten, die angeblich von Politikern auf Bundes- und Landesebene stammen sollen, sorgt für Aufregung. Nach Informationen des RBB-Inforadios wurden große Mengen persönlicher Daten und Dokumente von Hunderten Politikern über Twitter veröffentlicht. Die Hintergründe waren am Freitag-Morgen noch völlig unklar. Betroffen sind dem Bericht zufolge Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien mit Ausnahme der AfD.

Datenklau bei deutschen Politikern: Wohnungsdurchsuchung in Heilbronn

Im Zusammenhang mit dem Online-Angriff auf Politiker und Prominente haben Beamte des Bundeskriminalamts einem Bericht zufolge eine Wohnung eines Mannes in Heilbronn durchsucht. Das meldeten das ARD-Politikmagazin "Kontraste" und das rbb-Inforadio am frühen Montagmorgen unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Demnach fand der Einsatz bereits am Sonntagmorgen statt, beschlagnahmt wurden technische Geräte. Der Mann sei 19 Jahre alt, er werde als Zeuge in dem Verfahren zu dem Datenklau geführt, hieß es. Der Betroffene bestätigte dem Sender die Durchsuchung. Das Bundeskriminalamt war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

RBB-Bericht: Hacker veröffentlichen geheime Daten von Hunderten deutschen Politikern

Veröffentlicht wurden nach Informationen des RBB-Inforadios vor allem Handynummern, Adressen, aber zum Teil auch sehr persönliche Daten wie Personalausweise, private Chats, Briefe, Rechnungen oder Kreditkarteninformationen. Die Auswahl der geleakten Dokumente scheint dabei willkürlich.Ob alle Daten authentisch sind, ist offen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist von der Attacke betroffen. In dem Datensatz tauchen unter anderem eine Faxnummer, eine E-Mailadresse und mehrere Briefe von der und an die Kanzlerin auf. Wie sensibel die Angaben sind, blieb zunächst offen.

Sensible Daten bereits seit Dezember im Netz

Laut RBB sollen sich die vertraulichen Daten bereits seit Dezember im Netz befinden. Bemerkt wurde der Hacker-Angriff aber angeblich erst am Donnerstagabend.Seitdem beschäftigen sie die Partei- und Fraktionsführungen. "Wir sind seit gestern Abend mit dem Thema befasst und kümmern uns darum, unsere Leute zu informieren", sagte ein Sprecher der SPD am Freitag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Ansonsten ist das natürlich eine Sache für die zuständigen Behörden. Wir stehen mit ihnen in Kontakt, die Behörden wurden von uns informiert."

Bundesregierung: Nicht zwingend ein Hackerangriff

Die Bundesregierung prüft, ob die Daten durch einen Hackerangriff abgefischt wurden. Man hält es nach dpa-Informationen auch für möglich, dass jemand, der durch seine Tätigkeit Zugang zu sensiblen Daten hat, diese online gestellt haben könnte. Fest stehe bereits, dass der Datenabfluss nicht über das Regierungsnetz erfolgt sei. Ein möglicher Angriffspunkt sei das Netz des Bundestages, das schon öfter Ziel schwerer Hackerangriffe wurde.

Justizministerin Barley: Schwerwiegender Daten-Angriff

Nach Einschätzung von Justizministerin Katarina Barley (SPD) handelt es sich bei der massenhaften Veröffentlichung um einen "schwerwiegenden Angriff". "Die Urheber wollen Vertrauen in unsere Demokratie und ihre Institutionen beschädigen", erklärte Barley am Freitag. Die Täter müssten rasch ermittelt und ihre möglicherweise politischen Motive aufgeklärt werden. "Kriminelle und ihre Hintermänner dürfen keine Debatten in unserem Land bestimmen", mahnte Barley.

Medienbericht: Nicht nur Daten von Politikern geleakt

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung wurden nicht nur Daten von Politikern und Parteien veröffentlicht, sondern auch von Bands, Moderatoren und Journalisten. Zu den Opfern zähle auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Eine Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor. Auf dem fraglichen Twitter-Account waren die Leaks als eine Art Adventskalender verbreitet worden.Der Inhaber des Accounts beschreibt sich laut RBB selbst mit Begriffen wie Security Researching, Künstler, Satire und Ironie.

Wer hinter der Veröffentlichung steckt, ist noch unklar. Der Inhaber des Accounts befinde sich nach eigenen Angaben in Hamburg, meldete der RBB. Der Account hat inzwischen mehr als 17.000 Follower.

Habeck und von Notz erstatten Strafanzeige wegen Hackerangriff

Grünen-Chef Robert Habeck und der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz haben wegen der Veröffentlichung von Daten im Internet Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Die beiden gehören zu den Betroffenen, von denen besonders viele Daten ins Netz gelangt sind. Er habe den Fall am Freitagmorgen angezeigt, sagte von Notz der Deutschen Presse-Agentur. Wie es zu dem Datendiebstahl habe kommen können, sei bisher nicht exakt nachvollziehbar. "Die Daten sind divers, aus unterschiedlichen Zeiträumen. Es ist sehr ärgerlich." Ein Parteisprecher sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) und der dpa, auch Habeck habe Anzeige erstattet.

Auch die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, Britta Haßelmann, tat dies, wie sie dem RND sagte. Das rate sie auch allen Betroffenen. Haßelmann ermahnte die Sicherheitsbehörden, den Angriff rasch aufzuklären. Das Thema IT-Sicherheit solle zudem in den zuständigen Gremien im Bundestag behandelt werden.

Seehofer: Behörden suchen "mit Hochdruck" nach Datendieb

Hinter der massenhaften Veröffentlichung persönlicher Daten von Politikern steckt nach Einschätzung der Bundesregierung kein Hackerangriff auf die IT-Systeme von Regierung und Bundestag. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) erklärte am Freitag: "Nach einer ersten Analyse deutet vieles darauf hin, dass Daten durch die missbräuchliche Nutzung von Zugangsdaten zu Clouddiensten, zu E-Mail-Accounts oder zu sozialen Netzwerken erlangt wurden." Nach aktuellem Erkenntnisstand gebe es keine Hinweise, dass System des Bundestages oder der Bundesregierung "kompromittiert worden" seien.

Die Sicherheitsbehörden wollen laut Seehofer "soweit erforderlich" auf die Betroffenen zugehen, um sie zu informieren und über mögliche Schutzmaßnahmen zu beraten. Seehofer sagte, es werde "mit Hochdruck daran gearbeitet, den Urheber der Veröffentlichung ausfindig zu machen und den Zugriff auf die Daten schnellstmöglich zu unterbinden". Die meisten der von dem Datenklau betroffenen Politiker, YouTuber, Journalisten und Künstler hatten erst am Donnerstagabend oder am Freitag erfahren, dass ihre Daten - zum Teil schon seit Tagen - im Netz zu finden waren.

Datendieb soll unter anderem private Clouds angezapft haben

Die massenhafte Veröffentlichung persönlicher Daten von Politikern ist nach ersten Erkenntnissen nicht das Ergebnis eines Hackerangriffs auf den Bundestag. Wie die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus dem Bundestag erfuhr, geht das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gegenwärtig davon aus, dass die Daten aus öffentlichen Bereichen des Internets wie Sozialen Medien oder Webauftritten stammen sowie teilweise aus privaten "Clouddaten".

Generalbundesanwalt beobachtet und prüft Online-Angriff

Der Generalbundesanwalt hat sich in die Prüfung des großangelegten Online-Angriffs auf Politiker und Prominente eingeschaltet. Dazu sei in der Behörde in Karlsruhe ein sogenannter Beobachtungsvorgang angelegt worden, sagte eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums am Freitag in Berlin.

Damit untersucht der Generalbundesanwalt die Bedeutung des Falls und die kriminelle Relevanz und prüft, ob er weiter tätig wird. Die Bundesanwaltschaft wäre insbesondere für Ermittlungen bei "geheimdienstlicher Agententätigkeit" zuständig, also wenn sich herausstellen sollte, dass eine ausländische Macht hinter den Vorgängen stecken könnte.

Im Internet sind persönliche Daten und Dokumente von hunderten Politikern und Personen des öffentlichen Lebens veröffentlicht worden. Die Bundesregierung weiß nach eigenen Angaben noch nicht, ob die Daten durch einen Hackerangriff abgefischt wurden.

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sba/bua/news.de/dpa
Themen: Hacker
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