16.01.2011, 11.39 Uhr

Psychoterror: Wenn Schwiegermama im Schlafzimmer schnüffelt

Eine Schwiegermutter kann Terror verbreiten.

Eine Schwiegermutter kann Terror verbreiten. Bild: iStockphoto

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Alles fing an mit einer Mutter. Mit der Mutter ihres Mannes. Vor 15 Jahren war Ruth Gall am Ende. Dabei war ihre Schwiegermutter immer lieb und gut zu ihr. Aber hintenrum ging es ganz anders zu, Gall spricht heute von Verleumdung und Rufmord. Damals suchte sie einfach ein paar Leute zum Reden. Seitdem hat sie mehr als 100.000 verzweifelte Schwiegerkinder - viele Töchter und auch ein paar Söhne - getröstet und beraten.

Die Figur Schwiegermutter rangiert auf der Unbeliebtheitsskala gleich hinter der bösen Stiefmutter. Warum gerade die Mütter von Söhnen der Jungfamilie schaden, darüber gibt es inzwischen sogar wissenschaftliche Erkenntnisse, wie die Wochenzeitung Die Zeit kürzlich aufschrieb: Der Gießener Evolutionsphilosoph Eckart Voland untersucht seit Jahren die Ursachen familiären Zwists und ist durch die Auswertung historischer Daten auf einen Störenfried gestoßen, der sich in vier Jahrhunderten und sieben Regionen von Friesland bis nach Gambia manifestiert: Die Schwiegermutter der Ehefrau. Warum das so ist? Die Mutter des Sohnes ist traditionell daran interessiert, die «sexuellen Monopolisierungsversuche der Söhne zu unterstützen», erklärt Voland der Zeit. Um zu vermeiden, dass die Schwiegertochter etwa fremdgeht - und ein Kuckuckskind ins Familiennest legt. Ein evolutionäres Misstrauen, wie er es nennt, führt zur Überwachung der Schwiegertochter.

Für Ruth Gall, die seit 15 Jahren von Kopf bis Fuß in der Materie steckt, ist jedoch gar nicht das Schwiegerelement die Wurzel des Übels. «Es ist ein Problem zwischen Eltern und Kind, das bekomme ich als Schwiegertochter nur alles mit», lautet ihre Theorie. Besitzansprüche und das Nicht-Loslassen-Können seien keine Probleme von gestern: «Es werden Kinder geboren, die haben schon eine Funktion, bevor sie auf der Welt sind. Als Erben und auch als Rentensicherer.» Mit der steigenden sozialen Unzufriedenheit nehme das Problem eher noch zu: «Die Kinder sollen es wieder wettmachen und werden als Leibeigene herangezogen.»

Ein Schwiegerkind wird da zum Störfaktor. Dabei lässt sich für Gall das Elend nicht auf die arme -tochter fokussieren. Auch Männer hätten unter den Müttern ihrer Frauen zu leiden - aber sie sprächen weniger darüber und gestünden vor allem die Niederlage nicht ein, wenn die Mütter ihre Töchter zurückerobern.

Der schlimmste Terror ist das Gutmeinen

Die an der eigenen Erfahrung geschulte Therapeutin beschreibt ein üppiges Schwiegermutter-Repertoire: Zum Basisprogramm gehöre die Stichelei wegen zu großer Nase, blöder Lache oder mangelnder Kochkünste genauso wie das Lästern hinter dem Rücken und das eigenmächtige Betreten des Schlafzimmers, Durchwursteln von Schränken und Öffnen der Kontoauszüge.

Systematischer wird der Psychoterror durch ständige Kontrollanrufe. «Das kann man schon als Stalking auslegen», findet Gall. Die Verleumdungen können sich bis ins berufliche Umfeld der Schwiegertochter ausdehnen. Und es gehe so weit, dass das junge Paar in Angst und Schrecken versetzt wird. «Da wird zum Beispiel der Strom abgedreht und dann gesagt, es war doch gar nichts.»

Doch auf Ruth Galls persönlicher Terrorskala ganz oben steht das «Gutmeinen». Das hat sie auch auf ihrer Website manifestiert, wo unter «Was ich nicht gerne mag» steht: «Penetrantes «gut meinen», Intrigen, aggressive Märtyrer, Manipulation...» Jemand, der es immer gut meine, sei dominant und versuche, anderen seinen Willen aufzuzwingen, sagt sie im Gespräch mit news.de. «Damit können sie jemanden beherrschen, und man kann sich nicht wehren, weil: Sie meint's ja nur gut. Wenn man ständig bewacht und bevormundet wird, das ist Horror pur.» Solche Fälle machen in ihrer Statistik 95 Prozent aus.

Damit die Partner begreifen, was ihre Mütter eigentlich anrichten mit dem Gutgemeine, schlägt Gall in ihren Beratungen vor, ihnen einen Gutmein-Tag zu schenken. Der beginnt dann am Morgen gleich mit einem Kräutertee statt dem geliebten Kaffee - und dem Satz: «Ich mein's doch nur gut.»

Ihre Antwort darauf ist inzwischen knallhart: «Dann mein's mal nicht gut.» Härte und Konsequenz sind für sie der einzige Weg, mit dem Schwiegerproblem fertig zu werden. Abgrenzen und deutlich «nein» sagen. Und wenn am Abend doch wieder das Essen vor der Tür steht, soll man es zurückgeben. «Die Botschaft muss sein. Ich hol mir gern einen Rat, wenn ich dich brauche. Aber: Ich mach meine Sachen selbst.»

Schwiegermütter stellen -töchtern bis in die Selbsthilfegruppe nach

Ruth Gall ist als Schwiegerterror-Beraterin eine Kapazität - und wird ganz davon aufgesogen. Wenn sie morgens aufsteht, schaltet sie als erstes den Rechner an, schaut in ihre Mails und ins Forum und beginnt, Anfragen zu beantworten. «So geht es mit Unterbrechungen den ganzen Tag über, sieben Tage die Woche.» Zu Weihnachten seien es täglich über 100 gewesen, manchmal nur fünf oder zehn. Als sie vor 15 Jahren anfing, brach bei ihr in Augsburg regelmäßig die Telefonleitung zusammen.

Damals gab es auch echte Selbsthilfetreffen, bundesweit. Doch sie sei irgendwann nicht mehr in der Lage gewesen, die Sicherheit für die Teilnehmer zu gewährleisten. «Es gab Schwiegermütter, die haben ihren Schwiegertöchtern nachgestellt bis in die Gruppen rein, Gruppenleiterinnen wurden von Männern angegriffen, die nicht wollten, dass sie Interna erführen.» Häufig geht es auch um körperliche Gewalt. Fälle, wo der Sohn als Kind von der Mutter mit dem Kleiderbügel blutig geschlagen wurde und sich anschließend dafür bedanken musste. «So etwas höre ich viel», sagt Gall.

Zum 85 Prozent sei ihre Unterstützung erfolgreich. Damit meint sie, dass ein Weg gefunden werde, mit dem Problem zu leben. Die radikalste Lösung fand Ruth Gall für sich selbst. Sie habe sich von ihrer Schwiegermutter «scheiden» lassen - mit deren Sohn ist sie weiter glücklich verheiratet.

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