31.07.2015, 11.24 Uhr

Leben im Wachkoma: Berührend! Das sind die Stories der Patienten

Von news.de-Volontär Johannes Kohlstedt

Es kann uns jeden Moment treffen: Wachkoma. Durch einen Unfall mit schweren Kopfverletzungen, Wiederbelebung nach einer Herzattacke oder weil man beinah ertrunken wäre. Solche Unfälle passieren Tag für Tag. Etwa 3000 bis 5000 Menschen fallen in Deutschland jedes Jahr in ein Wachkoma. Einigen gelingt es, sich wieder in die Welt der Wachen zurück zu kämpfen. Eine von Ihnen ist Marlies. Die "FAZ" erzählte ihre Geschichte.

Man wirkt wach, ist aber abwesend. Menschen im Wachkoma.

Man wirkt wach, ist aber abwesend. Menschen im Wachkoma. Bild: dpa

Marlies klagte über Kopfschmerzen und fiel ins Wachkoma

Im Alter von zehn Jahren, stand das Mädchen nachts im Schlafzimmer ihrer Eltern und klagte über Kopfweh. Am Nachmittag war Marlies noch bei der Plattlerprobe ihres Trachtenvereins über die Bühne gesprungen, jetzt stammelte sie abgehackte Sätze, sprach Minuten später gar nicht mehr. Marlies Vater wählte den Notruf. Als die Ärzte in dem bayrischen Dorf ankamen, schrie das Mädchen nicht mehr. Wohl eine Hirnblutung. Sie wurde operiert, fiel ins Koma, atmete zwar selbst, zeigte aber keinerlei Reaktionen. Erst nach 4 Monaten wachte sie wieder auf. Bis dahin war sie zwar anwesend, aber irgendwie auch nicht.

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Die Ärzte konnten sich nicht erklären warum sie ins Wachkoma fiel. Es gab keine medizinische Erklärung dafür, dass Marlies einfach nicht aufwachte. "Das CT vom Gehirn war eigentlich besser als ihr Zustand", erinnert sich der Chefarzt der Schön-Klinik Vogtareuth Martin Staudt. "Durch die Hirnblutung war vor allem Marlies' Kleinhirn geschädigt, das für die Motorik, die Sprache, das Feintuning zuständig ist, und nicht das Großhirn, wo das Bewusstsein sitzt."

Nach drei Monaten durfte Marlies nach Hause

Erst sechs Wochen nach der Operation durften Marlies Eltern sie das erste Mal mit hinausnehmen. Im Rollstuhl, der vom Kopf bis zu den Füßen jeden Muskel festhielt, damit sie überhaupt sitzen konnte. Nach drei Monaten konnte Marlies für ein paar Stunden mit nach Hause. Als sie schließlich endgültig nach Hause entlassen wurde, baute ihr Vater das Haus behindertengerecht um.
Wachkoma-Patienten können Jahre oder Jahrzehnte leben - oder auch nur Monate. Ihre Lebenserwartung ist durch die Bettlägerigkeit reduziert, es entsteht eine Abwehrschwäche. Das Immunsystem wird anfälliger. Infektionen wie etwa eine Lungenentzündung verlaufen schneller tödlich.

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Marlies zeigte erstmals Reaktionen - Heute ist sie ein fast "normales" Mädchen

Erst Monate nach der Hirnblutung reagierte Marlies auf ihre Mutter oder ihre Katze. Patienten im Wachkoma wachen nicht einfach auf und alles ist wie früher, als ob Jemand einen Schalter umlegen würde. Es geht Schritt für Schritt. Chefarzt Staudt beschreibt es in der "FAZ" folgendermaßen: "Stellen Sie sich vor, die U-Bahn-Strecke zwischen dem Haupt- und dem Ostbahnhof geht kaputt. Die ersten Stunden herrscht Chaos, alle Menschen sammeln sich an diesen Orten, bis einigen einfällt, dass man auch über den Nordbahnhof zum Ostbahnhof kommen kann. Diese Umleitung nehmen erst ein paar, dann immer mehr Menschen. Irgendwann fließt der Verkehr wieder. Nicht mehr so schnell und effizient wie in der direkten Verbindung, aber er fließt." Das Gehirn sucht sich also neue Wege, um zwei Zellen zu verbinden, um gestörte Nervenbahnen zu umgehen. Es verknüpft sich neu. Das funktioniert bei einigen schneller, bei einigen weniger und bei manchen gar nicht.

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Heute, sieben Jahre später ist Marlies ein fast "normaler" Teenager. Da die geplatzte Arterie im Kleinhirn lag, spricht und denkt sie noch immer etwas langsamer. Auch das Gleichgewicht kann sie nicht recht halten, ihre Mutter stützt beim Laufen, zwei zusätzliche Räder beim Fahrradfahren. Es hätte schlimmer kommen können.

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