21.06.2018, 13.11 Uhr

Aneurysma: Was tun, wenn die Ader zu platzen droht?

Aneurysmen treffen auch junge Leute - wie Handballnationalspieler Sebastian Faißt, der daran starb.

Aneurysmen treffen auch junge Leute - wie Handballnationalspieler Sebastian Faißt, der daran starb. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Aneurysma – das komplizierte Wort war den meisten bis vor kurzem unbekannt. Das änderte sich mit zwei erschreckenden Schlagzeilen im Jahr 2009. Zunächst gab es die Meldung, dass Sportmoderatorin Monica Lierhaus daran erkrankt sein soll. Im darauffolgenden März brach dann der 20 Jahre alte Handballnationalspieler Sebastian Faißt während eines Turniers mit einer plötzlichen Hirnblutung zusammen und starb. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff und was ist das für eine Erkrankung?

Halsschlagader geplatzt? Aneurysma ist eine Blutblase an den Arterien-Wänden

Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Erweiterung". Gemeint ist eine meist sackförmige Blutblase an den Wänden von Arterien. "Das kann man sich so vorstellen als wäre in einem Wasserrohrsystem plötzlich eine Tüte als Zwischenstück eingefügt", erklärt Professor Karl-Ludwig Schulte von der Gesellschaft für Angiologie (Gefäßmedizin) und Chefarzt am Gefäßzentrum Berlin/Evangelisches Krankenhaus Elisabeth-Herzberge.

Aortenaneurysma an Hauptschlagader am häufigsten

Solche Blutblasen könnten im ganzen Körper auftreten: im Brustbereich, im Bereich des Bauches und im Gehirn, erklärt Schulte. Das am häufigsten vorkommende Aneurysma ist das Aortenaneurysma, was bedeutet, dass die Gefäßerweiterung in der Hauptschlagader liegt.

Fallbeispiel: Plötzliches Hirnaneurysma

Jeder zehnte Deutsche soll nach jüngsten Schätzungen einen solchen Gefäßdefekt im Gehirn haben. Meist trifft die Krankheit scheinbar gesunde, mitten im Leben stehende Menschen. So wie Ingelore Neininger. Die 52-Jährige erlitt einen Sonnenstich. Sie brach während einer Feier bei Freunden zusammen und verlor kurz das Bewusstsein.

"Es war heiß, und ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken", sagt sie. Der Notarzt stellte einen erhöhten Blutdruck fest und ließ sie ins Krankenhaus bringen, wo sie über Nacht zur Beobachtung blieb. Eine Computertomographie brachte am nächsten Tag die Wahrheit ans Licht: Ingelore Neininger hatte ein Aneurysma. Es saß in der linken Gehirnhälfte und war vier Millimeter groß.

Risiko-Faktoren für Aneurysmen

Aneurysmen können angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens bilden - zum Beispiel infolge einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) oder eines Herzinfarktes. Bluthochdruck, Alkoholmissbrauch und Rauchen verstärken das Risiko durch ihre schädigende Wirkung auf die Gefäßwand. "Das Tückische an Aneurysmen ist, dass sie zunächst keinerlei Beschwerden auslösen", sagt Dr. Schulte.

Warnhinweise und Symptome

Aber es gibt Warnhinweise. So äußern sich Aneurysmen der Schlagader im Brustbereich durch Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder Durchblutungsstörungen in den Armen. Ist die Bauchschlagader betroffen, können Rückenschmerzen, Durchfall oder Verstopfung sowie in die Beine ausstrahlende Schmerzen auftreten.

Ingelore Neininger fühlte sich dagegen rundum gesund. Die Diagnose traf sie wie aus heiterem Himmel. "Ich fühlte mich so, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen", sagt die Villingerin. Von ihrem Arzt erfuhr sie, dass Aneurysmen zwar ein Leben lang stumm bleiben können, dass sie aber schlagartig platzen können.

Aneurysma in Bauch- oder Hirnschlagader: Überlebensrate bei unter 5 Prozent

Vor allem in den zentralen Gefäßen der Bauch- und Hirnschlagader sinkt die Überlebensrate bei einem Riss des Aneurysmas auf unter fünf Prozent, weil die Patienten innerhalb kürzester Zeit innerlich verbluten. Liegt ein Aneurysma in einem kleineren Gefäß - einem peripheren Gefäß - vor, kann sich dieses mit Blutgerinnseln füllen. Wenn sich die Blutgerinnsel etwa durch eine Bewegung der Arme oder Beine lösen, kann es zu einem Schlaganfall kommen. "Wann und warum es zu einem Riss kommt, ist kaum vorherzusagen", sagt Schulte. "Bei einigen Patienten platzt die Ader beim Niesen, beim Sport oder bei anderen körperlichen Anstrengungen."

"Wer weiß, dass er ein Aneurysma im Kopf hat, hat das Gefühl, eine tickende Zeitbombe mit sich herumzutragen", sagt Ingelore Neininger. Daher war es keine Frage für sie, das Aneurysma vorsorglich entfernen zu lassen, wenngleich eine Operation am Gehirn niemals ein Routineeingriff ist. "Komplikationen können immer auftreten, zum Beispiel eine Gehirnschwellung oder auch ein Blutgerinnsel", sagt Professor Schulte. Letzteres könne zu Lähmungen, Bewusstseinsstörungen und zum Tod führen.

Coiling-Operation

Zwei unterschiedliche Operationsmethoden kommen in Frage, beide haben zum Ziel, das Aneurysma vom Blutstrom abzutrennen. Die neueste ist das Coiling, die zum Vorteil hat, dass der Schädel nicht geöffnet werden muss. Stattdessen wird ein mehrere Meter langes Katheter in der Leistengegend eingeführt und von dort durch Bauch und Halsschlagader bis zum Gehirn geschoben. Durch diesen Katheter transportiert der Arzt einen weichen Platindraht ins Aneurysma. Dort soll er wie ein Wellenbrecher den Blutfluss verlangsamen, um die Gefahr eines Aufreißens zu verringern, und gleichzeitig eine Art Blutpropfen provozieren, der das Aneurysma verschließt.

Clipping-Operation

Bei der älteren Methode, dem Clipping, wird dagegen der Schädel geöffnet und das Aneurysma mit wäscheklammerähnlichen Metallclips vom Blutgefäß abgeschottet. Die klassische Methode hat zum Vorteil, dass die Patienten als zuverlässig geheilt gelten. Bei Ingelore Neininger kam aufgrund von Form und Lage ihres Aneurysmas nur das Clipping in Frage. Mulmig sei ihr schon gewesen, sagt sie. "Aber was blieb mir anderes übrig? Im Grunde war es ein Glücksfall, dass das Aneurysma bei mir zufällig entdeckt wurde. Und die Operation sah ich als Chance, wieder gesund zu werden."

Viereinhalb Stunden dauerte die OP. Alles lief glatt, und schon drei Tage später konnte die Patientin das Krankenbett verlassen. Heute – vier Monate später – erinnert eine kaum mehr sichtbare Narbe am Haaransatz an den Eingriff. "Ich kann anderen Betroffenen nur Mut machen, die OP zu wagen. Denn sie dient vor allem der Linderung der Angst", sagt Ingelore Neininger. Für sie ist die Zeit der Angst vorbei.

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nak/mik/kns/news.de
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