26.06.2020, 07.19 Uhr

Coronavirus-News aktuell: "Maximale Ausbeutung!" Tönnies-Mitarbeiter reden jetzt Klartext

Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sind dramatisch.

Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sind dramatisch. Bild: dpa

Der Corona-Skandal bei Tönnies rückt auch die Arbeits- und Wohnbedingungen der vielfach aus Rumänien, Polen und Bulgarien stammenden Beschäftigten ins Rampenlicht. Der Reichtum von Konzernen wie Tönnies beruhe "auf maximaler Ausbeutung", sagt Volker Brüggenjürgen, Caritas-Vorstand im Kreis Gütersloh. "Das System der Werkverträge bringt Elend über die Menschen." Nun brechen Mitarbeiter ihr Schweigen.

Nach Corona-Skandal bei Tönnies! Mitarbeiter packen über miese Arbeitsbedingungen aus

Ein ehemaliger Tönnies-Werksarbeiter aus Rumänien erzählt im Interview mit der "Deutschen Welle" von unbezahlten Überstunden, brüllenden Vorarbeitern und dem massivem Druck, der auf ihn ausgeübt wurde. Zwei Jahre hat er bei Tönnies durchgehalten. "Wir waren selten nach den vereinbarten 8 Stunden fertig. Oft waren es 12 oder sogar 13. Wir haben die Überstunden aufgeschrieben. Doch auf dem Gehaltszettel war am Ende nichts davon zu sehen", sagt der Rumäne, der unerkannt bleiben will, gegenüber der "Deutschen Welle".

Ex-Tönnies-Mitarbeiter erzählt: "Ich hörte Kollegen nachts weinen"

Sein Arbeitsplatz war sehr kalt und feucht. Zudem bewegten sich die Fließbänder sehr schnell. "Ich hörte Kollegen nachts weinen in der Unterkunft, weil sie so schlimme Schmerzen hatten, ihre Hände waren ganz geschwollen. Doch wir machten uns gegenseitig Mut", erzählt er weiter. Wenn sich Kontrolleure ankündigten, wurde die Geschwindigkeit des Fließbandes verlangsamt und die Arbeit somit leichter. Doch die Mitarbeiter sollten schweigen. Sie sollten den Kontrolleuren zu Verstehen geben, dass sie kein Deutsch sprechen. Sollte ein Mitarbeiter krank werden, musste er dennoch zur Arbeit erscheinen. "Die Vorarbeiter brüllten uns an, dass wir ihnen bloß nicht mit Krankmeldungen ankommen sollten", erzählt der ehemalige Mitarbeiter im DW-Interview.

Trotz Corona-Symptomen! Mitarbeiter sollten zur Arbeit gehen

Das ist kein Einzelfall, wie der Bericht eines anderen Mitarbeiters aus Polen, der sich derzeit in Quarantäne befindet, zeigt. Lukasz Kowalski (Name geändert) arbeitet seit sieben Jahren am Band von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb. Er leidet an Krampfadern, Rückenschmerzen und Taubheit in den Händen durch die Kälte. Vor einer Woche meldete er dem Subunternehmen, mit dem er einen Zeitarbeitsvertrag hat, dass seine Familie eindeutige Corona-Symptome zeige. "Wenn ich keinen Beweis habe, dass ich Corona habe, soll ich trotzdem zur Arbeit gehen, haben die mir gesagt." Der Werkvertragsarbeiter aus Polen fuhr zur Schicht. "Ich dachte, dass ich sonst entlassen werde." Zum Einsatz kam es nicht mehr - es war der Tag, an dem Tönnies die Produktion aussetzen musste.

Maximal 1.500 Euro im Monat! Ausbeutung vonWerkvertragsbeschäftigten in Fleischindustrie

"Meine Arbeit ist hart", sagt Kowalski. "Ich arbeite im Stehen, immer mit dem Messer, schneide Stücke aus dem Fleisch." Er komme auf bis zu 200 Arbeitsstunden im Monat - aber nur maximal 1.500 Euro netto. "Da läuft doch etwas gewaltig schief", kritisiert die polnischsprachige Caritas-Sozialarbeiterin Hanna Helmsorig. "Die Leute arbeiten oft zehn, zwölf Stunden. Viele brauchen trotzdem noch Leistungen vom Job-Center."

Die Werkvertragsbeschäftigten zerlegen Fleisch bei Tönnies, haben ihre Verträge aber mit einer der vielen Subunternehmen abgeschlossen - zu häufig miesen Konditionen. Mal gibt es für 200 Stunden 1191 Euro netto. Ein anderer Lohnzettel zeigt 1409 Euro unterm Strich für 214 Arbeitsstunden. "Das ist ein unhaltbarer Zustand. Der Umgang mit den Mitarbeitern ist sehr respektlos. Manche müssen um Urlaub betteln." Häufig zudem: "Überstunden werden nicht bezahlt. Das Reinigen des Arbeitsplatzes gilt nicht als Arbeitszeit."

Abzocke bei Unterkünften! 1 Bett kostet Mitarbeiter 320 Euro pro Monat

Auch die Wohnsituation der Arbeiter ist prekär. Oft teilen sie sich zu dritt ein Minizimmer. 320 Euro werden für ein Bett und 100 Euro für die Fahrten ins Werk vom Monatslohn einbehalten - ein Abzocke-Beispiel, das Gesundheitswissenschaftler Konstantin Pramatarski nennt. "Die Leute sprechen oft kein Deutsch, sind den Unternehmen ausgeliefert." 60-Stunden-Wochen seien normal in der Fleischindustrie - da bleibt Pramatarski zufolge kaum Zeit, die Sprache zu lernen, Kontakte zu knüpfen, sich zu integrieren. Tönnies und Co. sei es vor allem darum gegangen, mit dem Werkvertragssystem Kasse zu machen, wirft Brüggenjürgen ihnen vor. "Und wenn Missstände auffallen, zeigt man auf die Subunternehmen und behält selbst eine weiße Weste."

Keine Corona-Schutzmaßnahmen in Schlachtbetrieb

Kowalski erzählt, es habe kaum Corona-Schutzmaßnahmen gegeben. Mit bis zu 30 Kollegen zusammenzuarbeiten, ohne Sicherheitsabstand, sei oft vorgekommen. "Es gab eine Maskenpflicht, aber in der Kantine hat die keiner getragen." Erst spät habe es den Hinweis gegeben, jeden zweiten Platz freizulassen. "Das war bei so vielen Menschen aber nicht möglich." Der 37-Jährige meint: "Ich hatte Angst, mich bei der Arbeit anzustecken und dann meine Familie anzustecken. Aber ich hatte auch Angst, dass ich meine Arbeit verliere."

Tönnies steht stark unter Beschuss, mit dem Lockdown wächst der Druck weiter. Der Bund will Tempo machen, plant ein weitgehendes Verbot von Werkverträgen - ab 2021 soll das Schlachten und Verarbeiten nur noch von Arbeitnehmern des eigenen Betriebs zulässig sein.

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bua/fka/news.de/dpa
Themen: Coronavirus