06.11.2020, 09.00 Uhr

Jan Böhmermann: Grimme-Preis, Echo, Staatsaffäre! Mit diesen Aktionen schrieb er TV-Geschichte

Die Verwirrung, die sein

Die Verwirrung, die sein "Varoufake"-Video in den Medien auslöste, kostete Jan Böhmermann genüsslich aus. Bild: © ZDF

Sehr viel hat sich am Titel nicht geändert. Auch inhaltlich ist nicht davon auszugehen, dass Jan Böhmerman in dem am Freitag startenden "ZDF Magazin Royale" (6. November, 23.00 Uhr) plötzlich handzahme TV-Unterhaltung anbietet, nur weil er aus der digitalen Nische ins ZDF-Hauptprogramm vorgelassen wurde.

Jan Böhmermann schrieb mit "Neo Magazin Royale" TV-Geschichte

Sechs Jahre lang war das "Neo Magazin Royale" eine TV-Oper voller genial orchestrierter Misstöne. Seinem selbst formulierten Anspruch, "nicht nur Quote zu machen, sondern über die Sendung hinaus stattzufinden", ist der Mainzer Chef-Provokateur immer wieder gerecht geworden. Von "Varoufake" bis "Verafake", von "Ich hab Polizei" bis zum "Schmähgedicht": Mit diesen Aktionen schrieben Böhmermann und das "Neo Magazin Royale" leidlich zeitgemäße Kapitel TV-Geschichte.

"Varoufake" (2015)

"Es ist Jan Böhmermann und seinem brillanten Team zu verdanken, dass es für die deutsche Medienlandschaft 2015 einen Moment des Innehaltens gab. Einen winzigen Moment nur, aber immerhin, den gab es." So überschwänglich lobte die Grimme-Preis-Jury Jan Böhmermann für einen Coup, der sich in der Tat gewaschen hatte.

Nachdem eine aus dem Kontext gelöste Stinkefinger-Geste des damaligen griechischen Finanzministers Jannis Varoufakis sogar im ARD-Talk von Günther Jauch staatstragend bis inquisitorisch verhandelt wurde, verblüffte der Satiriker mit einem Filmbeitrag. Darin behauptete er, die öbszöne Geste in das Internet-Video per Photoshop hineingefälscht zu haben. Was freilich wiederum eine Lüge war - der Fake des Fakes. Es brauchte entlarvend lange, bis der Groschen überall gefallen war. So gekonnt haben Böhmermann und seine "Neo Magazin Royale"-Mannschaft die Lust der Medien an der künstlichen Empörung kein zweites Mal vorgeführt.

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"Ich hab Polizei" (2015)

Innerhalb weniger Tage wurde der Clip bei YouTube mehrere Millionen Mal aufgerufen. Unter dem Pseudonym "POL1Z1STENS0HN" parodierte Jan Böhmermann in brillanter Weise Duktus und Gehabe deutscher Gangstarapper. Genre-Größen wie Haftbefehl und Fler stritten sich, wer Adressat der Verballhornung sein durfte, die hartgesottene Branche erging sich in mitunter verblüffender Empfindlichkeit.

Ein "Polizistensohn" ist Jan Böhmermann übrigens in Wirklichkeit, und seine Haltung hinter dem Humor war auch hier eine moralische: "Ab und an kam er mit gebrochenen Knochen nach Hause", erinnert sich Böhmermann im "stern" an seinen Vater, der an Leukämie starb, als er 17 Jahre alt war. Er habe ihm Werte vermittelt, die ihn noch heute prägten: "Man muss mit Leuten klarkommen, die anderer Meinung sind. Das ist unser kleinster gemeinsamer Nenner."

"Schmähkritik" (2016)

Unter dem Titel "Böhmermann-Affäre" führt ein Wikipedia-Eintrag zu einer "Neo Magazin Royale"-Ausgabe vom 31. März 2016 Details in Brockhausstärke aus. An jenem Tag wurde aus einer Satiresendung im Spartenfernsehen eine handfeste Staatsaffäre. In einem "Schmähkritik" betitelten Gedicht schrieb Böhmermann dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan albernste Obszönitäten zu - dies allerdings sozusagen in "Anführungszeichen". Er wollte dem zuvor wegen eher harmloser Satirebeiträge des Magazins "Extra 3" erzürnten Staatsoberhaupt demonstrieren, was in Deutschland den strafbaren Tatbestand der "Schmähkritik" erfüllen würde - Konjunktiv!

Auf der Metaebene stand Böhmermann jedoch allein. Die Türkei reichte gegen den Künstler nach Paragraph 103 StGB (Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten) Klage ein, dem Angela Merkel stattgab. "Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht", zürnte der Moderator in der "Zeit". "Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht." Die Folgen: Jan Böhmermann benötigte längere Zeit Personenschutz, durfte aber miterleben, wie seinetwegen der antiquierte "Majestätsbeleidigungsparagraph" abgeschafft wurde.

"Verafake" (2016)

Der Hashtag erinnerte an den "Varoufake" ein Jahr zuvor, und erneut gab es einen Grimme-Preis, wenngleich nicht ganz dieselbe mediale Tsunamiwirkung entfesselt wurde. Aber immerhin war es Böhmermann gelungen, in der von Vera Int-Veen moderierten Kuppelshow "Schwiegertochter gesucht" einen Schauspieler einzuschmuggeln, der nun belegen konnte, in welch professioneller Manier die Kandidaten der Sendung der Würde beraubt werden: "Ihr habt Robin und seinen Vater noch dümmer gemacht, als wir sie uns ausgedacht haben. Und das will was heißen. Ihr habt sie als die allerletzten Trottel inszeniert." RTL räumte "Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht" ein und kündigte Änderungen im Produktionsstab an.

"Menschen Leben Tanzen Welt" (2018)

"O-O-Eh-O-Oooh!" Ganz fraglos einer der unterhaltsamsten Beiträge in sechs Jahren "Neo Magazin Royale" - und einer, der einen wunden Punkt traf. Als Höhepunkt einer wortgewaltigen Generalabrechnung mit der deutschen Plattenindustrie und ihren "unpolitischen und abwaschbaren" Künstlern ließ Böhmermann von fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo Schlagwörter aus Kalendersprüchen, YouTuber-Tweets und Werbeslogans aneinanderreihen. Herauskam: "Menschen Leben Tanzen Welt", ein verblüffend an Befindlichkeitssänger wie Tim Bendzko und Max Giesinger erinnernder Reißbrett-Hit, der nur knapp sein Ziel verfehlte: Platz eins der Charts und daraus resultierend eine Auszeichnung beim Echo 2018.

"Ibiza-Affäre" (2019)

So weit ist es schon gekommen: Da lässt sich der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache auf Ibiza von einer falschen Oligarchen-Nichte vor versteckter Kamera zu kompromittierendsten Äußerungen verleiten - und wer kann es dann nur gewesen sein? Jan Böhmermann! Tatsächlich bestritt der deutsche Satiriker kategorisch, hinter der Verlade zu stecken, die zum Bruch der österreichischen Regierungskoalition führte. Allerdings hatte er im Vorfeld Kenntnis des Videos. Und: Böhmermann arbeitet zusammen mit Serienschöpfer David Schalko ("Braunschlag") an einer Verfilmung der "Ibiza-Affäre". Der Vorfall sei eine "irre Parabel auf Politik in Zeiten des politischen Verfalls", so der selbst erklärte "Verehrer Österreichs".

"Neustart19" (2019)

Die SPD sucht einen neuen Parteivorsitzenden, und keiner will's werden - diese Steilvorlage konnte Jan Böhmermann einfach nicht ins Aus trudeln lassen. Also lancierte der Unterhalter im Zuge einer öffentlichen Stellenausschreibung eine Kandidatur für das Amt, das einst Willy Brandt ausfüllte. Böhmermanns Lauf über bürokratische Mitgliedschaftshürden und gegen die Zeit wurde ein immer zäher werdender Running-Gag im Herbst der ausklingenden Zehner-Jahre. Die Kandidatur zog er letztlich zurück, als das ZDF verfügte, er dürfe als Parteimitglied keine Satireshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren. Böhmermanns Fazit: "Das war die anstrengendste und mit Abstand schmerzhafteste Nummer in sechs Jahren 'Neo Magazin Royale'."

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kns/news.de/teleschau