17.04.2019, 11.15 Uhr

ZDF-Doku "Putin und die Deutschen": Homophobie, Nationalismus und kein Respekt vor internationalem Recht

Wie gefährlich ist Wladimir Putin?

Wie gefährlich ist Wladimir Putin? Bild: picture alliance/Ralf Hirschberger/dpa

Homophobie, Nationalismus und kein Respekt vor internationalem Recht

Putins Russland sieht sich ständigen Vorwürfen ausgesetzt, ihm werden Verstöße gegen das Völkerrecht und die Menschenrechtskonvention zur Last gelegt, es agiere rassistisch und nationalistisch, offen homophob und frauenfeindlich. Die Presse sei gleichgeschaltet, Kremlkritiker und politischer Gegner aller Couleur würden weggesperrt, gleich auf offener Straße erschossen oder von Putins Schergen im Ausland vergiftet. Glaubhafte Beispiele für jeden dieser Vorwürfe finden sich in ausreichender Zahl. Putins Ansehen in der eigenen Bevölkerung schadet das nicht.

Putins Russland will Weltmacht sein und geht dafür über Leichen

Er verkörpert die Träume vieler seiner Landsleute nach einem Wiedererstarken der ehemaligen Weltmacht, von der nach ihrem Zusammenbruch und unter der Führung Boris Jelzins nur noch ein kläglicher Schatten ihrer Selbst überlebt hatte: Militärisch bei Weitem der Weltmacht USA unterlegen, wirtschaftlich gar ein Zwerg fehlte es der stark angeschlagenen Russischen Föderation, wie sich die Überreste der eben noch weltbewegenden UDSSR nun nannten, an Perspektive und Hoffnung. Von Francis Fukuyama wurde das Ende der Geschichte ausgerufen, über Russlands Rolle als nordasiatische Regionalmacht am Rande der Welt schien endgültig entschieden zu sein; der Westen hatte den kalten Krieg und damit die Verfügungsgewalt über die ganze Welt gewonnen.

Putin gab Russland sein Selbstbewusstsein zurück

Doch dann kam Putin. Antworteten 2005 nur 30 Prozent der Russen mit „ja" oder „eher ja" auf die Frage, ob das heutige Russland eine Weltmacht sei, so waren es 2018 ganze 75 Prozent. Putin hat Russland sein Selbstwertgefühl zurückgegeben und die Russen dankten es ihm mit ihrer Unterstützung, zuletzt mit dem besten Wahlergebnis, das er je einfuhr: Bei der Präsidentschaftswahl 2018 erhielt er knappe 77% der Stimmen. Seine Zustimmungswerte liegen seit der Jahrtausendwende bei über 60 Prozent, fielen allerdings zuletzt von knapp 85 im Jahr 2017 auf aktuell etwa 65 Prozent, was auf sozialpolitische Härten zurückgeführt wird, nach der Annexion der Krim dagegen schossen die Zustimmungwerte in den Himmel.

Putin: Der mächtigste Troll der Welt

Man könnte Wladimir Wladimirowitsch Putin, der 2017 zum zweiten Mal in Folge von "Forbes" zum mächtigsten Mann der Welt gekürt wurde, mit einiger Berechtigung einen Troll nennen, einen Trollkönig, den globalen Obertroll. Er stört gezielt die eingespielten Mechanismen der Weltgemeinschaft, er provoziert ihm überlegene Player mit simplen aber effektiven Mitteln und scheint – diesen Eindruck gewinnt man zwangsläufig, sieht man ihn beispielsweise die Fragen Armin Wolfs über "Russische Trollfabriken" im ORF-Interview beantworten – prinzipiell kein Gegenüber wirklich ernst zu nehmen.

Mütterchen Russland ist ein Scheinriese: Wirtschaftlich schwächer als Italien

Ohne die wirtschaftlichen Mittel einer Weltmacht zur Verfügung zu haben, schaffen er und sein - nach wie vor gut gerüstetes - Russland es durch geschickte militärische Einmischung beispielsweise in Syrien, kluge diplomatische Vernetzung und Einflussnahme, Geheimdienstliche Aktivitäten und Anschläge wie im Falle Skripal, und vor allem im global-medialen Informationskrieg durch Desinformation und Propaganda derart mitzumischen, dass Russland weltpolitisch weit größere Aufmerksamkeit genießt, als es Mütterchen Russland, gemessen an Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl, eigentlich zustände. Das Bruttoinlandsprodukt Russlands ist geringer als das Italiens oder Südkoreas. Das gefällt den Russen und imponiert unter anderem auch vielen Deutschen, die sich von den USA enttäuscht und von Trump alleingelassen fühlen.

Putin führt einen Cyberkrieg: Hacker, Trolle und Propaganda

Russland hat seit dem kalten Krieg nichts verlernt, wenn es um die Kriegsführung jenseits der haptisch erlebbaren Schlachtfelder geht, im Gegenteil. Der "Cyberwar" ist in vollem Gange. Er ist kostengünstig und unglaublich effektiv, das hat Putin früh verstanden. Die richtige Waffe für ein wirtschaftsschwaches, abgehängtes Land, das nach neuer Größe giert und sich nicht zu fein ist, sich dafür hier und da die Hände schmutzig zu machen. Putin lächelt derlei Vorwürfe weg, während Russland die Welt hackt, sich in Wahlkämpfe in Amerika wie Europa einmischt, über Facebookbots die öffentliche Meinung manipuliert, Regierungen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt anderer Länder destabilisiert. Es ist vor allem die EU, auf die es Putin abgesehen hat.

Rechtspopulisten in USA und EU feiern Putin als starkes Vorbild

Rechtspopulisten, EU-Skeptiker und Verschwörungstheoretiker aus ganz Europa zeigen sich begeistert vom starken, selbstbewussten Mann im Osten, der ein brauchbares Alternativ-Vorbild zu sein scheint zu einem wütenden, notorisch lügenden Donald Trump, der an fast jeder vermeintlichen Sicherheit rüttelt und dem Land vorsteht, in dem die Unzufriedenen und Abgehängten des globalen Kapitalismus´von je her die Quelle allen Übels sehen. Sein Verhältnis zu Trump: Es ist kompliziert. Der Mueller-Bericht scheint keine klaren Beweise für die Einflussnahme Russlands auf den US-Wahlkampf von 2016 liefern zu können. Dass beispielsweise bei der Affäre um Clintons Emails russische Hacker ihre Finger im Spiel hatten und so ihrem Kontrahenten Trump in die Hände spielten, scheint eine allseits akzeptierte Tatsache zu sein. Konkrete negative Folgen hatte das bisher aber weder für Trump noch für Putin – im Gegenteil.

Die Russen schätzen ihren modernen Zaren, aber sie trauen ihm nicht

So sehr die russische Bevölkerung die Fähigkeiten und Erfolge ihres Präsidenten auch anerkennt, sie haben einen erstaunlich differenzierter Blick auf Wladimir Putin, der zweifellos eine der prägendsten Gestalten der jüngeren Weltgeschichte ist. Denn vertrauen tun die Russen (die Zahlen sprechen auch hier seit vielen Jahren eine deutliche Sprache) ihrem Präsidenten nicht! Vielleicht sollte man ihrem Beispiel folgen.

sit/news.de
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