25.06.2020, 20.00 Uhr

Corona-Krise: Long Distance Calling: "Live-Geschäft ist für uns überlebenswichtig"

Long Distance Calling veröffentlichen am 26. Juni ihr neues Album

Long Distance Calling veröffentlichen am 26. Juni ihr neues Album "How Do We Want To Live?" Bild: Andre Stephan/spot on news

Long Distance Calling melden sich zwei Jahre nach ihrem letzten Album "Boundless" zurück. Auf ihrem neuen Longplayer stellen sie sich die Frage "How Do We Want To Live?" (dt. "Wie wollen wir leben?"), die auch für die Band nicht einfach zu beantworten ist. In diesem Jahr wurde der instrumentalen Rockband außerdem eine große Ehre zuteil: In der Kategorie "Komposition Metal" wurden die Musiker Janosch Rathmer, Florian Füntmann, Jan Hoffmann und David Jordan für den Deutschen Musikautorenpreis 2020 nominiert.

Wie es der Band in der Corona-Krise geht, warum es für die Musiker wichtig ist, ihre Stimme gegen Rassismus und Homophobie zu erheben und ob sie als instrumentale Rockband doch mal längerfristig mit einem Sänger oder einer Sängerin arbeiten wollen, hat Schlagzeuger Janosch Rathmer im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verraten.

Hier können Sie das Album "Trips" von Long Distance Calling kaufen

Welche Antwort haben Sie auf die Frage "How Do We Want To Live?"?

Janosch Rathmer: Das ist auch für uns nicht so leicht zu beantworten. Momentan denkt man natürlich oft daran, dass die aktuelle Situation nicht dem Ideal entspricht. Viele Menschen fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und wir als Musiker dürfen nicht unserer Arbeit nachgehen. Aber auf der anderen Seite haben wir auch die Möglichkeiten, die Krise zu nutzen, um an ein paar Stellschrauben zu drehen. Gerade im Bereich der Klimadebatte ist das dringend notwendig. Der ungestillte Wachstumshunger ist auch etwas, was in vielen Teilen zu erheblichen Problemen geführt hat und auch weiterhin führen wird. Zudem möchten wir gerne in einer Welt leben, wo jeder Mensch, egal welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts oder welcher Sexualität die gleichen Chancen hat!

Long Distance Calling gibt es jetzt schon fast seit eineinhalb Jahrzehnten. Verbringen Sie auch privat viel Zeit miteinander?

Rathmer: Aktuell natürlich nur mit Abstand und wenn es unbedingt notwendig ist. Mein Kollege Jan und ich haben aber in den letzten vier Monaten mehr oder weniger von morgens bis abends die Promo-Phase der neuen Platte begleitet. Wir telefonieren gefühlt fünfmal am Tag und haben zudem noch einen gemeinsamen Podcast ("Lachend in die Kreissäge") gestartet. Aber auch sonst verbringt man sehr viel Zeit miteinander, wenn man in einer professionell agierenden Band spielt. Da tut es auch mal ganz gut, phasenweise etwas Abstand zu haben.

Für Ihr Genre ist Musik ohne Worte oder Gesang immer noch sehr selten. Warum halten Sie daran fest?

Rathmer: Weil es uns in gewisser Weise einzigartig macht. Wir haben ja auf zwei Platten Gesang integriert und auch wenn ich viele Songs mit Gesang sehr mag, haben wir uns damit nicht wohlgefühlt. Gerade live lebt unsere Show davon, mit der Musik bestimmte Gefühle und Stimmungen zu transportieren. Das ist uns mit Gesang etwas verloren gegangen.

Könnten Sie sich vorstellen, auch mal längerfristig einen Sänger oder eine Sängerin mit ins Boot zu holen?

Rathmer: Aktuell denken wir, dass wir im instrumentalen Bereich noch viel zu entdecken und zu "erzählen" haben. Wir experimentieren ja immer auch mal mit Gesang und vielleicht ergibt sich in der Zukunft auch mal wieder eine Kollaboration. Aber das nächste Ziel wäre erst mal ein Soundtrack.

Sie setzen sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie ein. Warum ist es Ihnen so wichtig, als Musiker Ihre Stimme zu erheben?

Rathmer: Für uns ist es ein Selbstverständnis und auch absolut menschlich. Dass wir 2020 und auch gerade in der aktuellen Lage noch über solche Themen diskutieren müssen, macht mich sehr traurig. Wir finden, dass es eine Pflicht ist, unsere Reichweite zu nutzen, um uns klar zu positionieren. Nicht unbedingt in der Musik. Ich erwarte gar nicht, dass Musik immer politisch ist. Aber gerade in Zeiten von Social Media hat jeder Künstler auch abseits seiner Musik die Möglichkeit, auf Missstände aufmerksam zu machen. Wir dürfen nicht zulassen, dass gerade die Leute, die unsere Gesellschaft spalten wollen, immer die lauteste Stimme haben!

Gehen Sie auch auf die Straße und auf Demos?

Rathmer: Aktuell nicht, aber es ist generell ein gutes Mittel, friedlich zu demonstrieren und für eine gute Sache auf die Straße zu gehen!

Was würde es Ihnen bedeuten, wenn Sie den deutschen Musikautorenpreis 2020 gewinnen würden?

Rathmer: Zunächst mal gehe ich nicht davon aus. (lacht) Ich weiß ja, wer neben uns nominiert ist. Aber natürlich wäre es für uns eine Ehre. Alleine die Nominierung kam sehr überraschend. Unsere Musik findet ja zum Großteil abseits des Mainstreams statt. Das finde ich aber unabhängig von unserer Nominierung toll, dass die GEMA da auch Acts, die eher aus dem Independent-Bereich kommen, ein Forum bietet.

Wie haben Sie Ihre freie Zeit in der Corona-Krise genutzt?

Rathmer: Wie ich bereits gesagt habe, vor dem Schreibtisch. Die ganze Promo-Phase zum neuen Album hat mit dem Lockdown begonnen und dauert bis jetzt an. Wir haben wirklich sieben Tage die Woche und mindestens sechs bis acht Stunden am Tag gearbeitet. Uns ist die neue Platte sehr wichtig. Leider ist es sehr ungewiss, ob wir auch die Tour zur Platte wie geplant im September spielen können. Als Band verdient man heutzutage kaum noch Geld durch Plattenverkäufe. Das Live-Geschäft ist für uns überlebenswichtig.

Müssen sich die Fans bei der Tour auf Corona-bedingte Einschränkungen gefasst machen?

Rathmer: Das kann ich ehrlich gesagt nicht beantworten. Wir drücken natürlich die Daumen, dass die Konzerte stattfinden. Ich denke auch, dass man sich in jedem Fall auf ein paar Besonderheiten einstellen muss. Aber wichtig wäre einfach, dass wir langsam und unter Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen wieder starten können. Es stellt die Lebensgrundlage von sehr vielen Menschen da und auch der Rest möchte sich bestimmt ein Leben ohne Kultur bzw. Konzerte nicht vorstellen!

spot on news