13.08.2019, 19.00 Uhr

"Dat Elefantenklo es fott": Legendärer Kühlturm des AKW Mülheim-Kärlich ist Geschichte

Schilder weisen am 08.03.2017 im Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich auf radioaktive Strahlung hin. (dpa)

Schilder weisen am 08.03.2017 im Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich auf radioaktive Strahlung hin. (dpa) Bild: picture alliance / Thomas Frey/dpa

Am 01. August 1987 ging das AKW Mühlheim-Kärlich ans Netz um ein Jahr später, am 09. September 1988, wieder abgeschaltet zu werden. Fehlende Genehmigungen und Untersuchungen auf die Erdbebensicherheit des Kraftwerks führten zu dieser Entscheidung. Nach jahrelangen Bemühungen des Betreibers RWE vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof, dem Oberverwaltungsgerichtshof Schleswig und gleich zweimal dem Bundesverwaltungsgerichtshof reichte die RWE schließlich 2001 den Antrag auf Stilllegung der Anlage ein.

Der Kühlturm nordwestlich von Koblenz war ein Wahrzeichen. Schließlich prägte er das Erscheinungsbild der Region ganz entscheidend. Für viele anderen hingegen sollte der AKW-Bau ein Schandfleck verfehlter Kernwirtschaft und somit das Sinnbild des Atomausstiegs sein.

AKW Mülheim-Kärlich liegt in einer von Erdbeben bedrohten Zone

Die Stadt Mülheim-Kärlich liegt im Neuweiler Becken und damit in der unmittelbaren Fortsetzung des Rheingrabens. Dieser tektonische Graben gehört zur sogenannten "Mittelmeer-Mjösen-Zone", einer Bruchzone in der Erdkruste, die sich vom Mittelmeer bis nach Südnorwegen erstreckt. In dem Gebiet bewegt sich die Erde immer wieder, sodass gerade die Erdbebensicherheit einer solchen, sehr gefährlichen Betriebsanlage immens wichtig ist. Zudem verläuft der Rhein nur rund 100 Meter neben dem ehemaligen AKW (gegen Hochwasser wäre die Anlage aufgrund der Aufschüttungen geschützt gewesen). Somit hätte ein Erdbeben unglaubliche Folgewirkungen bis hin zum Gau oder Supergau mit sich führen können. Über 230.000 Menschen leben in dieser Region.

Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich stillgelegt vor Abrissarbeiten

Nachdem bereits 2002 die Uranbrennstäbe entfernt wurden, begannen die Abrissarbeiten am Kühlturm im Juni 2018. Zwei ferngesteuerte Bagger wurden eigens dafür konstruiert. Der eine war mit einem Meißel, der andere einem Kran ausgestattet. Sie wurden auf die Turmkrone aufgesetzt und fraßen sich Zentimeter für Zentimeter durch den Beton. Nach rund 80 Metern wurde die Neigung der Kühlturmwand jedoch zu groß. Der Beton musste eingesägt und gesprengt werden. Das Ungetüm brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Nicht nur AKW Mülheim-Kärlich: Schrottmeiler in nahezu jeder Region

Bei Mülheim-Kärlich handelte es sich um ein Kernkraftwerk mit Druckwasserreaktor, wie die meisten der in Deutschland erbauten Kernkraftwerke. Dabei sorgen zwei voneinander getrennte Kreisläufe für die Kühlung, radioaktives Wasser fließt nur im geschlossenen Primärkreislauf. Im Vergleich dazu waren Tschernobyl und Fukushima Siedewasserreaktoren. Unter dem Eindruck von Fukushima zeigte der 2011 durchgeführte AKW-Stresstest auf, dass viele der noch in Betrieb befindlichen AKWs alles andere als sicher sind. Überprüft wurden 145 Kernkraftwerke, nur 54 davon bestanden den Erdbebentest. Zu diesen gesellen sich zudem die Schrottmeiler oder "Bröckel-AKWs", wie etwa das französische Kernkraftwerk Fessenheim (1 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt - soll im Sommer 2020 stillgelegt werden), das belgische Tihange (rund 70 Kilometer von Aachen entfernt) oder die beiden schweizerischen AKWs Mühleberg (70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt - soll heuer stillgelegt werden) und Beznau (6 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt). Beznau gilt als das "gefährlichste Kernkraftwerk der Welt".

Die Gesamtbaukosten des AKW Mülheim-Kärlich beliefen sich auf rund sieben Milliarden D-Mark, der Rückbau kostet zirka 725 Millionen Euro. 10.921 GWh wurden während des Betriebes in das deutsche Stromnetz eingespeist.

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US/add/news.de
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