16.04.2014, 11.05 Uhr

Versandhändler im Shitstorm: Wie aus Zalando «Sklavando» wurde

Von news.de-Redakteurin Juliane Ziegengeist

Online-Versandhändler nun auch für scheinbar unhaltbare Arbeitsbedingungen in einem Erfurter Logistik-Lager. Die Journalistin Caro Lobig hatte sich für eine RTL-Reportage undercover drei Monate lang als Mitarbeiterin in das besagte Logistikzentrum eingeschleust. Ihr Fazit: «Zalando hat mich krank gemacht!»

«Schrei vor Glück»: Für diesen Slogan ist Zalando eigentlich bekannt. Nun hat das Unternehmen ein gewaltiges Imageproblem.

«Schrei vor Glück»: Für diesen Slogan ist Zalando eigentlich bekannt. Nun hat das Unternehmen ein gewaltiges Imageproblem. Bild: Bodo Marks/dpa

Lagerarbeiter bei Zalando müssen täglich kilometerweit laufen

Im ostdeutschen Erfurt war sie eine von rund 2.000 Mitarbeitern, die in Früh- und Spätschichten auf einer Fläche so groß wie 18 Fußballfelder Waren sortieren. Der Verdienst liegt laut RTL mit 8,79 Euro pro Stunde nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn. Lobig musste dafür im sogenannten Picktower, wo bestellte Artikel Stück für Stück eingesammelt werden, ungeheuerliche Strecken zu Fuß zurücklegen: 18, in der Spitze sogar 27 Kilometer täglich.

Nach fünf Wochen solcher kräftezehrender Acht-Stunden-Schichten gelangt die RTL-Reporterin an ihre physischen Grenzen. Doch ihre Kreislaufprobleme interessieren niemanden. Von derlei Erfahrungen berichten auch andere Zalando-Mitarbeiter im Logistikzentrum, wo kaum ein Tag ohne Rettungseinsatz vergehe. Beschwerden seien unerwünscht. «Wer unbequem ist, wird entsorgt», sagen viele.

Verärgerte Kunden fluten die Facebook-Seite von Zalando

Seit der Ausstrahlung der Reportage wird die Facebook-Seite des Unternehmens mit kritischen Kommentaren geflutet. «Das ist einfach menschenunwürdig, was ihr da abzieht», schreibt ein User. Ein anderer taufte den Versandhändler aufgrund der Missstände in «Sklavando» um, mit dem Slogan «Schrei vor Angst» statt «Schrei vor Glück».

Wiederum andere hinterfragen auch die Zalando-Kunden: «Heute schreit ihr alle auf und nächste Woche bestellt ihr wieder bei Amazon oder Zalando, weil es euch schon nicht mehr interessiert!?» Doch viele versichern, nach diesem Skandal nichts mehr bei Zalando bestellen zu wollen und ihre Kundenkonten bereits gelöscht zu haben.

Online-Versandhändler verweist auf gutes Betriebsklima

Der Konzern selbst reagierte auf den Bericht und den darauffolgenden Shitstorm zunächst mit einem öffentlichen Statement. «Dieser Bericht hat uns sehr erschüttert, weil er grundlegend kritisiert, wie wir an unserem Logistikstandort Erfurt arbeiten und wie wir mit unseren Mitarbeitern vor Ort umgehen», heißt es darin. Die Darstellung entspreche weder der Unternehmenskultur noch der Mitarbeiterstimmung.

Um das zu untermauern, zitiert Zalando Zahlen aus einer vertraulichen Mitarbeiterumfrage, laut der 88 Prozent der Angestellten bei ihrer Tätigkeit Spaß hätten und 80 Prozent von ihnen stolz seien, bei Zalando zu arbeiten. Auch die Dekra habe den Unternehmensstandorten stets «sehr gute Arbeitsbedingungen» bescheinigt, wird argumentiert. Ob sich damit die Wogen glätten lassen, darf allerdings bezweifelt werden.

In einem solchen Zalando-Logistikzentrum hat die RTL-Reporterin verdeckt gearbeitet.

In einem solchen Zalando-Logistikzentrum hat die RTL-Reporterin verdeckt gearbeitet. Bild: Martin Schutt/dpa

Zalando verklagt RTL-Reporterin wegen Geheimnisverrats

Zwar versichert Zalando, die Vorwürfe selbstkritisch prüfen zu wollen, prangert aber auch die Vorgehensweise von RTL an: «Bedauerlicherweise haben wir im Vorfeld keinerlei Anfragen der RTL Extra Redaktion erhalten, um zu den Kritikpunkten Stellung zu nehmen.» Der Versandhändler zieht seine eigenen Konsequenzen und hat Anzeige gegen Caro Lobig erstattet, wie «Handelsblatt Online» berichtet.

Allerdings sei die Anzeige bereits am 28. März eingereicht worden - als die Tarnung der RTL-Reporterin aufflog. Der Vorwurf laute Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen. Lobig hatte im Rahmen ihrer Undercover-Arbeit auch permanenten Psychodruck, ständige Kontrolle und Bespitzelung beklagt. Diese Vorwürfe wies Zalando ebenfalls zurück.

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zij/loc/news.de
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