10.03.2016, 13.47 Uhr

Polyamorie als neues Beziehungsmodell: Wenn Monogamie versagt - So klappt Liebe mit mehreren Partnern

Eine Beziehung zu dritt - für viele Menschen unvorstellbar.

Eine Beziehung zu dritt - für viele Menschen unvorstellbar. Bild: Fotolia_Monthly_M

Von news.de-Redakteurin Ina Bongartz

Viele Menschen verzweifeln, wenn sie sich zu anderen als zum eigenen Partner sexuell hingezogen fühlen. Gilt doch die monogame Liebe als Ideal in unserer Gesellschaft. Doch was ist, wenn Monogamie ausgedient hat? Was, wenn man plötzlich anfängt, offen mehrere Menschen zu lieben - mit allem drum und dran?

Christopher Gottwald vom Verein Polyamores Netzwerk hat im Interview mit news.de erklärt, warum Sex mit mehreren nicht das Ende eine Beziehung bedeuten muss und worin die Vorteile der Polyamorie liegen.

Jemand anderen als den eigenen Partner anziehend zu finden, passiert ja den meisten Menschen irgendwann mal. Viele gehen dann fremd. Ist es nicht einfach nur eleganter zu sagen: „Ich praktiziere Polyamorie" als zu gestehen „Ich bin ein Betrüger?"

Chistopher Gottwald vom Verein PolyAmores Netzwerk (PAN) erklärt die Vorteile von Polyamorie.

Chistopher Gottwald vom Verein PolyAmores Netzwerk (PAN) erklärt die Vorteile von Polyamorie. Bild: privat

Christopher Gottwald: Ich würde sagen, es ist ehrlicher. Ich glaube, dass Verbundenheit dadurch entsteht, dass wir zeigen, was wir fühlen. Die Idee ist ja, dass wir in einer Beziehung in die Tiefe gehen. Und Nähe und Vertrauen entstehen dadurch, dass wir uns ehrlich zeigen. Und wenn ich mich in jemand anderen verliebe oder auch nur Lust habe mit demjenigen zu schlafen oder es vielleicht sogar tue, dann kann die Verbindung nur erhalten bleiben, wenn wir uns das auch erzählen.

Verheimlichen es die Fremdgeher nicht auch, weil sie ihren Partner nicht verletzen wollen?

Gottwald: Ja, das ist meistens das Argument. Aber auch, damit der Partner nicht sauer ist und ich mich damit nicht auseinandersetzen muss. Kurz: Damit mir daraus keine Nachteile entstehen. Oder damit nicht vielleicht sogar die Beziehung dann zu Ende ist. Aber irgendwie entmündigen wir unsere Partner*innen doch, wenn wir ihnen einen Teil der Wahrheit vorenthalten.

Ist das vorherrschende Beziehungsmodell in unserer Gesellschaft - die serielle Monogamie – also unrealistisch oder gar unpraktikabel?

Gottwald: Also das will ich gar nicht so sagen. Aber in der Monogamie entstehen sehr leicht Dynamiken, die eigentlich gar nicht gewünscht sind. Zum Beispiel die Ansage: Wenn du mich betrügst, dann ist Schluss. Der Umkehrschluss ist aber, dass wir uns eigentlich nicht mehr vertrauen können. Denn, wenn ich dich betrüge, werde ich es dir nicht erzählen, wenn ich nicht will, dass du mich verlässt. Das heißt, du wirst auch niemals wissen, ob ich dich nicht vielleicht betrogen habe.

Es gibt ganz klar ein Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Laut Statistik sind 50 Prozent derjenigen, denen Treue wichtig ist, schon mal untreu gewesen. Warum fangen wir also nicht einfach an, ehrlich zu sein? Sollten wir nicht lieber auf die sexuelle Exklusivität verzichten als auf die Ehrlichkeit?

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Ganz viele Menschen trennen ja emotionale Treue und sexuelle Begierde. Um das erste nicht zu gefährden, verheimlichen sie also das andere.

Gottwald: Die Frage ist, was davon ist wichtiger? Eigentlich wollen wir beides in der Monogamie. Aber beides ist absolut unberechenbar. Menschen verlieben sich mit einem „Bäähm". Es kommt ganz plötzlich. Und dann gehen wir automatisch davon aus: Wenn ich mich in jemand anderen verliebe, muss mit meiner aktuellen Beziehung etwas nicht stimmen. Und das ist überhaupt nicht der Fall.

Ich habe schon eine ganz große Liebe mit einer tollen Partnerin gelebt und gleichzeitig mich in eine andere Frau verliebt. Es ist einfach schade, dass wir in unserer Gesellschaft per Moral sagen: Ich kann nicht eine Person lieben und gleichzeitig noch eine zweite. Wir haben so viel Liebe in uns und es kann mehr werden, je mehr wir davon verteilen!

Entfällt also bei der Polyamorie dieser Kampf zwischen Begehren und schlechtem Gewissen?

Gottwald: Das leider nicht. Ein schlechtes Gewissen haben wir trotzdem, obwohl uns Dinge erlaubt sind. Das heißt nicht automatisch, dass wir mit allem total locker umgehen. Bei mir war das schlechte Gewissen am Anfang sehr, sehr stark. Ich konnte gar nicht so offen wie vereinbart über alles reden. Man muss dann erstmal darauf kommen, dass das schlechte Gewissen in einem selbst ist. Das machen nicht die anderen Leute.

Rational betrachtet, ist Polyamorie sehr logisch. Viele Argumente sprechen für diesen doch sehr menschlichen Beziehungsstil. Doch auf emotionaler Ebene scheinen aber negative Dinge wie Eifersucht und verletzt werden unumgehbar zu sein.

Gottwald: Die große Frage ist doch: Wie gehen wir mit Gefühlen um? Wofür sind sie da? Sie zeigen uns doch auf: Achtung, hier ist ein Problem, kümmere dich darum. Wenn wir anderen Personen die Schuld an unseren Gefühlen geben, bringt das gar nichts. Also zu sagen: „Hey, du bist Schuld, dass es mir schlecht geht, dass ich eifersüchtig bin" ist kein hilfreicher Weg. Ich muss einfach genau schauen: Wo kommen diese Gefühle wie Eifersucht eigentlich her?

Und dann wird man feststellen, dass es irgendeine Angst ist. Die Angst verlassen zu werden. Die Angst, dass diese andere Person irgendwie toller ist als ich. Die ganz klassische Frage: Was hat er/sie, was ich nicht habe? Und dies alles ist ein Hinweis darauf, das es irgendwas in mir gibt, bei dem ich noch nicht vollständig und selbstbewusst Ich bin. Darin liegt, meiner Meinung nach, die große Chance – eine Art Selbstfindung.

Es kann mir in der Monogamie ja genauso gehen, dass ich eifersüchtig bin. Aber immer wenn ich anderen Menschen die Schuld an meinen Gefühlen gebe, verpasse ich die Chance mich selbst zu entwickeln. In der Polyamorie kann ich offen und ehrlich über diese Gefühle reden und zwar ohne jede Schuldzuweisung. Und dadurch entsteht neue Verbundenheit. Es geht nicht darum zu sagen: scheißegal, wie es dir damit geht.

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