20.09.2018, 10.47 Uhr

Tragödie im Hambacher Forst: Journalist stürzt in den Tod - Jetzt ermittelt die Kripo

Rettungskräfte im Hambacher Forst kümmern sich um einen Mann, der 15 Meter tief durch eine Hängebrücke gebrochen ist.

Rettungskräfte im Hambacher Forst kümmern sich um einen Mann, der 15 Meter tief durch eine Hängebrücke gebrochen ist. Bild: Christophe Gateau / picture alliance / dpa

Während der großen Räumungsaktion im rheinischen Braunkohlerevier Hambacher Forst ist ein Journalist abgestürzt und hat tödliche Verletzungen erlitten. Das sagte am Mittwoch ein Polizeisprecher vor Ort. Der Mann war durch eine Hängebrücke gebrochen und etwa 15 Meter in die Tiefe gestürzt. Alle Arbeiten zur Räumung im Hambacher Forst seien sofort eingestellt worden.

Update vom 20.09.2018: Letztes Video des verunglückten Journalisten Steffen M. - Kripo nimmt Ermittlungen auf

Das war das letzte Video des Journalisten Steffen M., gefilmt aus einem Haus der Forstbesetzer. Wenig später stürzte er in den Tod...

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Die Umstände des Todes von Steffen M. bleiben nach wie vor ungeklärt. Wie "Bild" erfahren haben will, sei der Blogger abgestürzt, als er mit einem Seilzug eine Speicherkarte nach oben in ein Baumhaus ziehen wollte, um seine Dokumentation über die Räumung des Forstes fortsetzen zu können. Das würde die Darstellung der Behörden unterstützen, wonach der Absturz nicht mit polizeilichen Maßnahmen in Verbindung gestanden habe.

Inzwischen hat die Kripo im Hambacher Forst die Ermittlungen aufgenommen. Beamte seien am Donnerstag im Wald vor Ort, sagte ein Polizeisprecher am Morgen. Einen Anfangsverdacht für eine Straftat gibt es nach Angaben der Aachener Staatsanwaltschaft nicht. "Es sieht nach einem Unglücksfall aus", sagte Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts der Deutschen Presse-Agentur. In der Nacht zum Donnerstag war es im Hambacher Forst ruhig geblieben. Mit Kerzen erinnerten die Aktivisten an den Toten.

Tragödie im Hambacher Forst: Journalist stürzt 15 Meter tief in den Tod

Bei dem Verunglückten handele es sich um einen jungen Journalisten, der seit längerem das Leben der Aktivisten in den Baumhäusern dokumentierte, sagte der Polizeisprecher. Rettungs- und Polizeikräfte hätten Erste Hilfe geleistet, hätten den Mann aber nicht mehr retten können. Der Polizeisprecher betonte: Zur Zeit des Unglücks "fanden keine polizeilichen Maßnahmen in der Nähe der Unglücksstelle und am genannten Baumhaus statt".

Aktivisten fordern sofortigen Einsatz-Abbruch im Hambacher Forst

Nach dem tödlichen Sturz verlangt das Aktionsbündnis "Hambi bleibt" einen sofortigen Stopp der Räumung. "Wir fordern die Polizei und RWE auf, den Wald sofort zu verlassen und diesen gefährlichen Einsatz zu stoppen. Es dürfen keine weiteren Menschenleben gefährdet werden", schrieb die Initiative am Mittwoch in ihrem Blog.

Zu dem tödlichen Sturz durch eine Hängebrücke war es nach Darstellung der Aktivisten vermutlich gekommen, weil der Journalist einen SEK-Einsatz in der Nähe beobachten wollte. Über die zwischen zwei Baumhäusern gespannte Brücke habe er anscheinend näher an den Einsatz herangehen wollen, schrieb die Initiative in ihrem Blog. Dabei sei er aus über 20 Metern Höhe abgestürzt.

Ein Polizeisprecher hatte zuvor betont, zum Zeitpunkt des Unglücks "fanden keine polizeilichen Maßnahmen in der Nähe der Unglücksstelle und am genannten Baumhaus statt". Der Tote, den die "Bild" als "Blogger Steffen M." identifizierte, sei "ein Freund, der uns seit längerer Zeit im Wald journalistisch begleitet", betonte das Aktionsbündnis "Hambi bleibt".

NRW-Landesregierung setzt Räumung im Hambacher Forst vorerst aus

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat die Räumungsarbeiten im Braunkohlerevier Hambacher Forst nach dem Tod eines Journalisten "bis auf weiteres" ausgesetzt. "Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf.

Hambacher Forst wird wegen Braunkohleabbau mit Polizeiaufgebot geräumt

Am vergangenen Donnerstag haben die Behörden mit einem massiven Polizeiaufgebot begonnen, die Baumhäuser der Umweltaktivisten zu räumen und abzubauen. Die meisten Bauten waren bereits innerhalb der ersten Tage geräumt. Umweltschützer protestieren im Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen seit Jahren dagegen, dass der Energiekonzerns RWE im Herbst weite Teile des Forstes abholzen und die Braunkohleförderung fortsetzen will. In bis zu 25 Metern Höhe hatten sie rund 55 Baumhäuser errichtet und halten den Wald damit seit sechs Jahren besetzt.

Polizei steckt Aktivisten im Hambacher Forst in U-Haft

Vier Waldbesetzer - zwei Frauen und zwei Männer - sind mittlerweile in Untersuchungshaft. Drei von ihnen verweigerten die Feststellung ihrer Personalien, der Vierte habe einen knienden Polizisten von hinten angegriffen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Aachen.

Umweltschützer wollen Abholzung des Hambacher Forstes stoppen

Mit mehr als 500.000 Unterschriften wollen Umweltschützer die NRW-Landesregierung dazu bringen, die geplante Rodung doch noch zu stoppen. Für diesen Donnerstag planen BUND, Campact und Greenpeace die Übergabe der im Internet gesammelten Unterschriften an Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Das Motto der Aktion: "Armin lasset!"

Aus Sicht von RWE ist die Abholzung des Hambacher Forsts unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Vor Beginn der Kohleförderung war der Wald 4.100 Hektar groß; nach Angaben des Tagebau-Betreibers RWE Power wurden bislang 3.900 Hektar für den Kohleabbau gerodet, nun soll noch einmal gut die Hälfte des verbliebenen Waldes abgeholzt werden.

Naturidylle Hambacher Forst soll dem Braunkohletagebau weichen

Der Wald hat nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine 12.000 Jahre lange Geschichte. Es gibt dort Vorkommen streng geschützter Arten wie Bechsteinfledermaus, Springfrosch und Haselmaus. Der Protest vor Ort richtet sich auch gegen den Abbau von Braunkohle allgemein.

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loc/news.de/dpa
Themen: RWE, Tod, Wald
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