02.03.2016, 10.10 Uhr

Angela Merkel und Winfried Kretschmann: Wie die Grünen im Süden zur neuen Volkspartei werden

Die Grünen sind in Baden-Württemberg erstmals so stark wie die ehemalige Volkspartei CDU - was macht Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Gegensatz zu seiner Bundespartei richtig?

Die Grünen sind in Baden-Württemberg erstmals so stark wie die ehemalige Volkspartei CDU - was macht Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Gegensatz zu seiner Bundespartei richtig? Bild: dpa

Von news.de-Volontär Dominik Liebsch

Er ist der starke Mann der Grünen im Südwesten Deutschlands: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Baden-Württembergs. 2011 stellten Bündnis 90/Die Grünen mit dem 67-Jährigen erstmalig in ihrer Parteigeschichte einen Ministerpräsidenten.

Dass sein Vorgänger, CDU-Politiker Stefan Mappus, gehen musste, lag nicht nur an der brachialen Niederschlagung des bürgerlichen Protests gegen Stuttgart 21 durch die Polizei, für die Mappus mitverantwortlich gemacht worden war. Auch die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 hatte zu einem bundesweiten Höhenflug der Umweltpartei beigetragen und den Grünen in Umfragen bis zu 21 Prozent Zustimmung beschert. Dieser Rekordzuspruch half ebenfalls dabei, Kretschmann als ersten Grünen in ein Ministerpräsidentenamt zu spülen.

Baden-Württemberg: Grüne überholen erstmals die Union

Vor der anstehenden Landtagswahl am 13. März stehen die Grünen im "Ländle" auch in den Umfragen erstmals besser da als die Union: Einer aktuellen Befragung des Forschungsinstituts INSA zufolge, die die "Bild" in Auftrag gegeben hatte, würden sich 30,5 Prozent der Wähler für die Grünen entscheiden, 30 Prozent für die CDU. Überholt von der "Ökopartei": Für die Union, die bis zu Kretschmann in Baden-Württemberg ein unstrittiges CDU-Stammland hatte, ein weiterer herber Dämpfer.

 

 

Boris Palmer: Hart in der Flüchtlingsfrage

Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen).

Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen). Bild: dpa

Ein weitere schillernde Figur der Grünen im Süden – und nicht minder erfolgreich – ist der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (43), der 2014 seine zweite Amtszeit antrat. Die Bürger der baden-württembergischen Stadt stehen hinter ihm. Und dies, obwohl – oder vielleicht gerade weil – der 43-Jährige in seiner eigenen Partei aufgrund harter Positionen in der Flüchtlingskrise auch immer wieder aneckt.

 

In einem Gespräch mit der "Rhein-Neckar-Zeitung" forderte Palmer unlängst eine stärkere Sicherung der EU-Außengrenzen um zu verhindern, dass zunehmend Menschen kommen, "die keinen Anspruch auf Schutz und Asyl haben". Die grenzenlose Aufnahme von Flüchtlingen aus Menschlichkeit stehe nicht über allem: "Wenn das Vertrauen der Bevölkerung in die eigene Handlungsfähigkeit des Staates verlorengeht, können wir niemandem mehr helfen. Es geht auch um den Bestand der Europäischen Union. Wenn dieses historische Einigungswerk zusammenfällt, wäre der Schaden so immens, dass es berechtigt ist, die Frage nach einer Begrenzung der Flüchtlingsbewegung zu stellen", sagte Palmer.

 

Die Grünen im Süden: Die neue Volkspartei?

So decken die Grünen heute im Südwesten von liberal bis konservativ einen großen Teil des politischen Meinungsspektrums ab – und sind damit ungemein erfolgreich. Da auch in Baden-Württemberg nicht nur die "Alternative für Deutschlad" (AfD) erstarkt, sondern der bisherige Koalitionspartner SPD im Umfragetief verharrt, hat die aktuelle Grün-Rote Koalition ebenso wie eine schwarz-gelbe Opposition allerdings keine Mehrheit. Eine denkbare Koalition für die Grünen wäre Grün-Schwarz unter Winfried Kretschmann. Dieser zeigte sich bereits offen und pragmatisch: Wenn es für Grün-Rot nicht reiche, müsse man eben mit anderen Parteien sondieren, er habe diesbezüglich "keine Ausschließeritis", so der Ministerpräsident zum Nachrichtenmagazin "Focus".

 

 

Winfried Kretschmann: "Stalkt" er Angela Merkel?

Kretschmann ist nicht nur offen gegenüber einer möglichen Koalition seiner Partei mit der CDU, der bekennende Katholik ist auch ein Bewunderer von Bundeskanzlerin Angela Merkel, insbesondere ihrer standhaften Haltung in der Flüchtlingskrise. Laut "Spiegel Online" soll er in einem Zeitungsinterview jüngst sogar gesagt haben, er bete jeden Tag für die Gesundheit der Kanzlerin.

 

Winfried Kretschmann (Bündnis90/Die Grünen) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 03. Oktober 2013 in Stuttgart bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit.

Winfried Kretschmann (Bündnis90/Die Grünen) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 03. Oktober 2013 in Stuttgart bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Bild: dpa

 

Und tatsächlich hätten die baden-württembergischen Grünen eine altbewährte Wahl-Taktik der Merkel-CDU übernommen, welche da laute "Angleichung an den Gegner bis zur Ununterscheidbarkeit", so das Politik-Magazin "Cicero" in der vergangenen Woche. Auch der Bundeskanzlerin wird von Kritikern wiederholt vorgehalten, sie hätte ihre eigene politische Heimat sozialdemokratisiert – mit der Folge, dass die eigentliche Bundes-SPD und selbst erklärte Volkspartei seit Jahren bei 20 bis 25 % in den Umfragen verharrt.

 

 

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