25.09.2015, 09.05 Uhr

"Wir waren in einer abgeschotteten Welt": Ex-Butler von Erich Honecker packt aus

Lothar Herzog erzählt von seiner Arbeit als Butler von Erich Honecker.

Lothar Herzog erzählt von seiner Arbeit als Butler von Erich Honecker. Bild: dpa

Von Jutta Schütz

Stasi-Hauptmann, Oberkellner, Zeitungsausträger. Rentner Lothar Herzog, einst Butler von SED-Chef Erich Honecker, packt dicke Stapel mit der "Berliner Woche" in sein kleines, silbergraues Auto. Gleich startet er, wie jeden Mittwoch, seine Tour in der Nähe der Karl-Marx-Allee im östlichen Teil Berlins. In der einstigen DDR-Vorzeige-Straße wohnt er heute auch mit seiner Frau.

Briefkasten für Briefkasten verteilt Herzog rund 1.400 Exemplare des Gratis-Anzeigenblattes, jeder Griff sitzt. "Zu Hause rumsitzen kann ich nicht", sagt der 72-Jährige. Und für den Rentner-Job mit derzeit 6,38 Euro pro Stunde gebe es jetzt sogar Urlaubsgeld. "Ich will weitermachen."

Lothar Herzog: "Ich war ein sozialistisches Mainzelmännchen"

Der einstige Stasi-Mann sagt im 25. Jahr der deutschen Einheit: "Ich bin ein normaler Bundesbürger geworden." Als 18-Jähriger aus dem heutigen Chemnitz nach Ost-Berlin zum Ministerium für Staatssicherheit gekommen, stieg der gelernte Kellner zu einem der persönlichen Honecker-Betreuer und Stasi-Personenschützer auf. "Ich war eine Art sozialistisches Mainzelmännchen", schrieb Herzog in seinem 2012 veröffentlichten Erinnerungsbuch "Honecker privat".

Er bediente mehr als zwei Jahrzehnte den obersten DDR-Funktionär und dessen Frau Margot in der abgeschotteten Wohnsiedlung in Wandlitz, deckte auch im Urlaub den Tisch und begleitete "EH" auf Reisen in mehr als 30 Länder. Ein persönliches Wort hätten sie nie gewechselt. 1984 wurde Herzog von den Honeckers abgezogen. Warum, das wisse er bis heute nicht so genau, sagt der Ex-Hauptmann. "Ich war so enttäuscht."

Herzog breitet sein Leben gern aus. Also weiter: Zum 31. Dezember 1989 habe er bei der Stasi gekündigt und im Palast der Republik als Oberkellner angeheuert. Als der dichtmachte, sei er zur Messe Berlin gewechselt, seine Vergangenheit habe keine Rolle gespielt. Fast bis zur Rente - über die er nicht klagen könne - blieb er dort. "Ich hatte das große Glück, übergangslos Arbeit zu finden." Auch Sohn und Tochter hätten gute Jobs.

Ex-Butler hatte keine Ahnung vom Unrechtsstaat DDR

Verfolgung DDR-Oppositioneller? Stasi-Haft? Zwangsadoptionen? Zerbrochene Leben Andersdenkender? "Ich konnte mir das nicht vorstellen", sagt Herzog. "Wir waren in einer abgeschotteten Welt." Er habe wohl den Sinn fürs reale Leben verloren und sich nicht so viele Gedanken gemacht. "Es wurde immer nur von Feinden gesprochen."

Nach dem Mauerfall sei er zwar geschockt gewesen, als das Vorgehen der Stasi öffentlich wurde. Er sei aber gleich so stark in seine neue Arbeit als Oberkellner eingebunden gewesen, dass sich Betroffenheit "nicht so eingestellt hat".

Hochzeitsgeschenk von Stasi-Chef Mielke

Herzog gibt sich eine Spur nachdenklich. "Es wurde uns so eingebläut: Ihr habt Euch keine Gedanken zu machen." Er habe sich an den Befehl von Stasi-Chef Erich Mielke gehalten, dem SED-Politbüro jeden Wunsch von den Augen abzulesen - rund um die Uhr. Mielke habe ihm zur Hochzeit auch ein Kaffeeservice geschenkt, weiß der 72-Jährige noch.

Wut auf die Stasi habe er nicht, resümiert Herzog. "Ich wurde ja relativ gut behandelt, hatte Aufstiegsmöglichkeiten, die Bezahlung war gut." Zum Schluss habe er monatlich 2000 Ost-Mark bekommen. "Aber drei Prozent wurden als Parteibeitrag abgezogen." Aus der SED/PDS sei er mit seiner Frau 1990 ausgetreten. "Aus politischen Dingen halte ich mich raus." Er lese gerne Krimis und gucke Fußball.

Herzog trauert der DDR nicht nach. "Heute denke ich, es konnte nicht gutgehen." Der einstige Stasi-Bedienstete sieht Vorzüge des geeinten Deutschland - dass man jederzeit dorthin fahren könne, wohin man wolle. Oder dass sich Bürger mit ihren Anliegen an "Institutionen" wenden könnten. Ob er gelegentlich alte Genossen treffe? Der einstige Honecker-Betreuer sagt: "Am ehesten noch auf dem Friedhof."

Lesen Sie hier: Ist DDR-Erziehung schuld an Fremdenfeindlichkeit?

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bua/räc/news.de/dpa
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