24.04.2015, 12.59 Uhr

Protest gegen Flüchtlingspolitik: Amnesty International bahrt Leichensäcke am Strand auf

Von news.de-Volontärin Antje Buddenhagen

In schwarzen Leichensäcken zeigten sich die Aktivisten von Amnesty International am Strand von Brighton, um auf die hunderten verstorbenen Flüchtlinge aufmerksam zu machen.

In schwarzen Leichensäcken zeigten sich die Aktivisten von Amnesty International am Strand von Brighton, um auf die hunderten verstorbenen Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Bild: news.de Screenshot/Twitter/AmnestyUK

Nachdem es in der vergangenen Woche vermehrt zu Bootsunglücken kam, bei denen mehr als 900 Flüchtlinge starben, kritisiert die Menschenrechtsorganisation die Flüchtlingspolitik der EU scharf. Laut der "Berliner Zeitung" gab Amnesty International bekannt: "Die EU rettet eher ihr Gesicht als Flüchtlinge". Zudem sei das Zehn-Punkte-Programm, welches gestern bei einem Sondergipfel in Brüssel besprochen wurde, "allein motiviert von Sicherheitspolitik und Kriminalitätsbekämpfung und nicht von Menschenrechtspolitik".

"Triton" und "Poseidon" dienen eher dem Grenzschutz als der Seenotrettung

So sollen der gestern beschlossenen italienische Einsatz zur Seenotrettung "Triton" und sein griechisches Pendant "Poseidon" vor allem dem Grenzschutz und nicht der Seenotrettung dienen. "Auf dem EU-Gipfel wurde viel von der Rettung von Menschenleben gesprochen, aber wenig dafür getan", heißt es in einer Pressemeldung von Amnesty International. Der Beschluss sei ein weiteres Aussitzen der humanitären Katastrophe auf dem Mittelmeer.

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Amnesty International Aktivisten in schwarzen Leichensäcken

An der Südküste Großbritanniens setzten die Aktivisten von Amnesty International in dieser Woche nun ein Zeichen: Am Strand von Brighton reihten sie insgesamt 200 schwarze Leichensäcke auf, welche die tausenden Menschen symbolisieren sollten, die bei der Überfahrt nach Europa ihr Leben verloren. In den Säcken: Ballons, Steine - und die Aktivisten selbst. Die Aktion der Kampagne "Don't Let Them Drown" (Lasst sie nicht ertrinken) ist ein erneuter Coup der Menschenrechtsorganisation, um auf Missstände in der Welt aufmerksam zu machen.

Proteste vor dem Bundeskanzleramt in Berlin

In Deutschland protestierte die Organisation am Donnerstag mit 250 Unterstützern, unter ihnen auch Schauspieler Benno Führmann, vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Ziel war es, Angela Merkel und die anderen Regierungschefs der EU aufzufordern, eine umfassende Seenotrettung im Mittelmeer einzurichten. Dabei fielen vor allem die gelben Rettungsringe auf, auf denen die Worte "Ja! Zum Flüchtlingsschutz" zu lesen waren.

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Video von Amnesty International dreht den Spieß um

Zudem veröffentlichte Amnesty nun einen Videoclip, in dem der Spieß umgedreht wurde: Zu sehen ist ein Flüchtlingstransport. Die Menschen kauern zusammen, in Decken gehüllt, im Laderaum eines Transporters. Ein Junge erzählt, dass er Angst habe, weil er gehört hat, dass "diese Boote dauernd sinken". Als der Transporter hält und ein bewaffneter Mann erscheint, zeigen sich das erste Mal die Gesichter der Flüchtlinge. Wer jedoch denkt, nun das Gesicht eines jungen Afrikaners zu sehen, liegt falsch: Es handelt sich um einen deutschen Jungen, der aus Berlin flüchtet, um in Afrika Schutz zu suchen. Auch wenn dieses Szenario bisher nur Fiktion ist, soll es darauf aufmerksam machen, dass jeder Mensch sich in dieser ungewissen Situation befinden könnte und die Flüchtlingshilfe daher ein wichtiger Punkt in der Europa-Politik sein sollte.

Sterberate der Flüchtlinge steigt um das Fünfzigfache

Rund 1.600 Flüchtlinge sind laut Berichten der International Organisation for Migration (IOM) seit Jahresbeginn, bei ihrem Versuch, nach Europa zu gelangen, im Mittelmeer ums Leben gekommen. Laut Angaben von Amnesty International ist die Sterberate der Flüchtlinge in diesem Jahr bereits fünfzigmal höher, als sie es zu dieser Zeit im letzten Jahr war. Die Staats- und Regierungschefs Europas trafen sich deshalb am Donnerstag zu einem Sondergipfel in Brüssel.

"Triton" und "Poseidon" haben eine zu geringe Reichweite

Die Mittel für die EU-Überwachungsmissionen auf See sollen nun verdreifacht werden. Damit hat der sogenannte "Triton"-Einsatz vor der italienischen Küste rund neun Millionen Euro pro Monat zur Verfügung. Der vorhergehende, im November eingestellte, italienische Seenotrettungseinsatz "Mare Nostrum" (Unser Meer) wurde mit der gleichen Summe subventioniert. Dieser reichte jedoch bis vor die Küste Libyens, von wo aus sich laut der "Berliner Zeitung" derzeit die meisten Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen.

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Europäische Operation, die ganz auf Seenotrettung eingestellt ist, wird benötigt

Amnesty International ist der Meinung, dass eine Neuaufnahme der umfassenden Operation "Mare Nostrum" eine gute Sofortmaßnahme gewesen wäre, um die Bildung einer gemeinsamen europäischen Seenotrettung zu überbrücken. Was benötigt würde, sei eine "europäische Operation, die ganz auf Seenotrettung eingestellt ist. Sie muss ein viel größeres Einsatzgebiet haben als Triton und mit mehr und den richtigen Schiffen, Hubschraubern, Flugzeugen und Personal ausgestattet sein".

Schauspieler Benno Fürmann protestierte gemeinsam mit Amnesty International vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Man fordert Maßnahmen gegen das Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer.
Benno Fürmann für Flüchtlinge

Lautstarker Protest mit Amnesty International

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abu/zij/news.de
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