20.03.2019, 08.55 Uhr

Sexueller Missbrauch in Lüdge in NRW: Jugendamt wusste schon vorher von Pädophilen

Auf einem Campingplatz in Lüdge (NRW) wurden mindestens 34 Kinder jahrelang missbraucht.

Auf einem Campingplatz in Lüdge (NRW) wurden mindestens 34 Kinder jahrelang missbraucht. Bild: Friso Gentsch/dpa

Es waren nicht nur die vermüllte Behausung auf dem Campingplatz und der große Altersunterschied: Trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie hat das Jugendamt von Hameln (Niedersachsen) einen heute 56-Jährigen als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt. Der Mann gilt als Hauptverdächtiger im Fall von tausendfachem Kindesmissbrauch mit mindestens 34 Opfern in Lügde (Nordrhein-Westfalen).

Vergewaltigung auf Campingplatz in Lüdge NRW News-Ticker aktuell

  • mindestens 34 Kinder über Jahre hinweg missbraucht
  • Jugendamt erhielt früh Hinweise auf Pädophilie
  • Polizei lässt Kinderpornografie verschwinden

+++ 20.03.2019: Missbrauch in Lügde – Jugendamt nahm fünf weitere Kinder in Obhut +++

Im Zusammenhang mit dem massenhaften Kindesmissbrauch in Lügde hat das Jugendamt Lippe fünf weitere Kinder in Obhut genommen. Das bestätigte ein Sprecher des Kreises am Mittwoch. Zuvor hatte der WDR berichtet. "Die Kinder sind auf alle Fälle Opfer. Die Eltern könnten Täter sein. Das wird ermittelt. Ein Kind lebte auch in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz", sagte der Jugendamtsleiter Karl-Eitel John dem WDR.

Die fünf Kinder stammten aus drei Familien. Das Jugendamt des Kreises Lippe habe Hinweise durch Fachkräfte sowie Anzeigen bei der Polizei jeweils mit dem Verdacht auf Missbrauch erhalten, sagte der Sprecher. Nach dem ersten Fall und der Inobhutnahme Mitte November 2018 hätten alle Mitarbeiter besonders aufmerksam hingeschaut.

Von den insgesamt sechs in Obhut genommenen Kindern würden aktuell noch fünf in stationären Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien betreut, sagte der Kreissprecher.

+++ 20.03.2019: Lügde-Skandal: Jugendamt erhielt früh Hinweise auf Pädophilie +++

Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) räumte am Dienstag ein, dass schon 2016 eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ein anderer Vater sowie eine Kindergarten-Psychologin den Verdacht auf sexuell übergriffiges Verhalten geäußert hätten. Diese Hinweise seien in den Akten vermerkt. In der Vergangenheit hatte der Landrat darauf verwiesen, dass sich die Akten noch bei der Staatsanwaltschaft befinden.

Der arbeitslose Dauercamper soll gemeinsam mit einem Komplizen über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Sein Pflegekind soll er eingesetzt haben, um andere Opfer anzulocken.

Jugendamtsmitarbeiterin soll Eintrag gelöscht haben

Auch machte der Landrat öffentlich, dass eine Jugendamtsmitarbeiterin kurz vor Beschlagnahmung der Akten durch die Staatsanwaltschaft einen Eintrag gelöscht hatte, den die Ermittler rekonstruieren konnten. Darin wurde dargestellt, dass der Mann immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen suche und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe. Die Frau, die die Löschung zugab, wurde vom Dienst freigestellt.

Es ist nicht die erste personelle Konsequenz aus den Vorgängen um Lügde in der Behörde. Weil er einen Vermerk nachträglich einfügte, ist ein weiterer Jugendamtsmitarbeiter schon länger suspendiert.

Tatverdächtiger konnte Jugendamt jahrelang täuschen

"Für Süßigkeiten macht sie alles", soll der Mann aus Lügde bei einem Besuch des Jobcenters 2016 gemeinsam mit dem Kindergartenkind gesagt haben. Im selben Jahr wandte sich ein besorgter Vater an Polizei und Kinderschutzbund, weil der Dauercamper erzählt hatte, er setze sich Kinder gerne in den Nacken. Eine Psychologin im Kindergarten des Mädchens vermutete im September 2016 Pädophilie.

Aus Sicht des Jugendamtes konnte der Mann den Verdacht entkräften, wurde aber engmaschig betreut. Die Familienhilfe kam wöchentlich, jedoch schmiss der Träger im April 2018 hin und zeigte eine chronische Kindeswohlgefährdung an. Der Pflegevater müsse Erziehungsseminare besuchen, hieß es. Erst im August 2018 begannen regelmäßige Besuche eines neuen Familienhilfe-Trägers.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte: "Was den betroffenen Kindern in Lügde angetan wurde, ist bestürzend. Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte - hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung."

Polizeiskandal in Lüdge! Unzählige Beweismittel verschwunden

Der Landkreis Hameln bemühte sich bei der Pressekonferenz am Dienstag um größtmögliche Transparenz und verteilte eine 75-seitige Darstellung mit Aktenauszügen. 376 Seiten umfasst die Akte des Allgemeinen Sozialen Dienstes, der im Frühjahr 2014 erstmals Kontakt zur Mutter des späteren Pflegekindes aufnahm, weil das Mädchen eine verpflichtende Vorsorgeuntersuchung verpasst hatte. Mit der Familie waren der Behörde zufolge zehn bis zwölf Personen in unterschiedlicher Intensität befasst.

Das Zusammenspiel mit dem Jugendamt Lippe und Polizei Lippe im benachbarten Nordrhein-Westfalen sei nicht optimal gewesen, sagte Bartels. In NRW weitet sich das Verbrechen auf dem Campingplatz immer mehr zu einem Polizeiskandal aus. Unter anderem verschwanden 155 bei dem Dauercamper sichergestellte CDs und DVDs aus einem Asservatenraum. Mehrere Beamte von der Polizei Lippe wurden bereits versetzt oder suspendiert.

Polizisten unter Pädophilie-Verdacht

Derweil steht in Nordrhein-Westfalen erneut ein Polizist im Verdacht, kinderpornografisches Material besessen zu haben. Der Polizist der Kreispolizeibehörde Paderborn sei am vergangenen Freitag suspendiert worden, sagte eine Sprecherin des Düsseldorfer Innenministeriums am Dienstag. Zuvor hatte der Sender RTL über den Fall berichtet. Die Ministeriumssprecherin sagte, es gebe keine Querverbindungen zum Fall Lügde. Der Beamte sei auch nicht mit Ermittlungen zu Sexualdelikten befasst gewesen.

Damit steigt die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen Polizisten in NRW wegen Kindesmissbrauchs oder Kinderpornografie weiter an: In den vergangenen zehn Jahren seien nun insgesamt 18 Fälle aktenkundig, sagte die Sprecherin.

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