28.07.2018, 08.00 Uhr

Aufreger im Netz: Warum Shitstorms einfach scheiße sind!

Der gemeine Shitstorm tobt sogar in Wörterbüchern!

Der gemeine Shitstorm tobt sogar in Wörterbüchern! Bild: Jens Kalaene / dpa

Von news.de-Redakteur Pierre Pawlik

Wer die letzten Jahre nicht komplett unter einem Stein verbracht hat oder in einer tiefen, dunklen Höhle lebte, der war hundertprozentig schon einmal mit ihm konfrontiert. Dem einzigen Sturm, gegen den kein Schirm hilft. Nein, wir meinen nicht einen Sharknado, wir meinen den Shitstorm! Wortwörtlich übersetzt ein Scheißesturm. Weniger blumig wäre die Übersetzung mit Entrüstungssturm durchaus treffend.

Shitstorms treffen manchmal schon die Richtigen

Dabei gibt es durchaus den einen oder anderen Shitstorm, den man als Beobachter in gewisser Weise nachvollziehen kann. Meist wundert man sich dann aber nur über die Dummheit derer, die den Shitstorm mit ihrem unbedachten Verhalten ausgelöst haben. Wenn etwa wieder irgendeine dicke Touristin mit Doppelläufiger neben einem erschossenen, gerne mal seltenen Wildtier posiert, gönnt man ihr all die Scheiße, die in Form von wütenden Postings und Kommentaren auf sie herabregnet. Das Blöde ist nur, dass viele krakeelende Meckerer meist den Effekt haben, dass der Geshitstormte bockt und sich einfach nicht belehren lassen will. Oh weh, ich greife vor.

So gut wie immer treffen Shitstorms die Falschen

Darum nehmen wir uns doch lieber mal ein anderes aktuelles Beispiel her. Die arme Sarah Lombardi. Die musste zuletzt einige Shitstorms ertragen. Höhepunkt dieser Shitstorm-Wetterfront war ein Daueranschiss für ein Foto mit Pferd. Auf diesem war doch tatsächlich das Halfter des Tieres verrutscht. Gequält und unglücklich schaue das Tier drein. Tierquälerei! Wie bitte? Wie guckt denn bitte ein unglückliches Pferd? Hier sind wir bei des Pudels Kern und fragen uns: Was macht Shitstorms im Normalfall so scheiße?

???????????????????????????? | ____________________ ???? ???? #summervibes #horses???? #sunnyday???? #instagood #lovememore Credits : stephan pick

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Politische Korrektheit wird mit politisch unkorrekten Mitteln eingefordert

Erstaunlich an Shitstorms ist, dass sie in erster Linie einer seltsamen Ausprägung der politischen Korrektheit entspringen. Kleinste Details eines Fotos, auf die im normalen Leben niemand achten würde, werden hergenommen und genauestens darauf abgeklopft, ob man sich nicht darüber aufregen kann. Am Beispiel von SarahLombardi ist es das leicht verrutschte Halfter. Und Tierschutz ist nun einmal ein dankbares, politisch enorm korrektes Thema. Und schon geht es los. Erstaunlicherweise rutschen die ach so politisch korrekten Verhaltenswächter im Laufe der sich entfachenden Diskussion meist in äußerst politisch unkorrekte Beschimpfungen des jeweiligen Adressaten ab. Mokiert sich dann beispielsweise eine Sarah Lombardi darüber, wird sie noch mehr angegangen. Seltsam...

Um was geht's bei dem Shitstorm? Egal, ich bin dabei!

Dazu kommt, dass das Internet die Menschen mit all seinen Informationen in einer Tour überfordert. Darum haben wir Menschen Mechanismen entwickelt, um uns vor dem Informations-Overflow zu retten. In einer Diskussion im Internet beispielsweise lesen wir nur zu gerne ausschließlich die letzten Beiträge. Und auf die beziehen wir uns dann. Und wurde in denen gemotzt, motzen wir nur zu gerne mit. Teils in vollkommener Unkenntnis dessen, was im ursprünglichen Ausgangsposting Thema war. So potenziert sich ein Shitstorm gerne mal und geht teils abstruseste Wege.

Die schweigende Mehrheit und der Entrüstungssturm

Interessant ist auch ein Phänomen, das der Medienwissenschaftler (und nicht nur der) als schweigende Mehrheit bezeichnet. Ganz simpel geht es dabei darum, dass die meisten Menschen, die in einen Shitstorm hineinlesen, meistens genauso denken werden wie Sie: "Worüber regen die sich da eigentlich auf? Gibt es nicht wirklich wichtige Themen in der Welt, die angepackt werden müssen? Wen juckt denn bitte das Lombardi-Halfter?" Doch dann greift meist etwas Seltsames in uns Menschen.

Wir haben Angst, dass wir mit unserer Meinung allein dastehen könnten. Immerhin sind ja "alle" (und damit jene, die bei dem Shitstorm mitgemacht haben) anderer Meinung! Und weil wir nicht selbst mitten in den Shitstorm geraten wollen, sagen wir lieber gar nichts. Erst recht nichts, was der allgemeinen Meinung in dem Shitstorm zuwiderläuft. Wir schweigen. Und gehören damit in den meisten Fällen zu der schweigenden Mehrheit. Wäre es nicht so, müssten sich ja in jedem Shitstorm Millionen von Menschen über das vermeintliche No-Go aufregen. Die Zahl der Shitstormer ist dann aber doch meist extrem überschaubar...

Zumindest für Unternehmen kann ein Shitstorm brandgefährlich sein

Wie ernst Shitstorms gerade in der Wirtschaft genommen werden (müssen), zeigt, dass alle größeren Betriebe Social-Media-Manager beschäftigen oder händeringend suchen. Das sind meist dick bebrillte Hipster-Menschlein, die sich in den verschiedensten Social-Media-Kanälen auskennen müssen und auch mit dem Entwickeln von Eskalationsstufen und passenden Deeskalationsmaßnahmen im Falle eines Shitstorms betraut werden. Normale Leute verstehen diese Spezies Mensch und deren Sprech meist gar nicht. Und doch sind sie sehr wichtig. Immerhin kann der Imageschaden aufgrund eines Shitstorms für ein Unternehmen echt zum Problem werden. Insbesondere wenn das Geschäftsmodell ausschließlich auf das Internet ausgerichtet ist.

Shitstorms bringen nichts!

Doch gerade das Wirtschaftsbeispiel zeigt auch das größte Problem der Shitstorms: Sie bringen nichts. Natürlich wird der Social-Media-Manager immer behaupten, dass seine Firma sich die Kritik zu Herzen nehmen wird. In den meisten Fällen sind das aber kaum mehr als Lippenbekenntnisse. Genauso die wildernde Dame. Die wird sich auch nur denken: Jetzt erst recht. Wenn sie allerdings schlau ist, wird sie den nächsten geschossenen Elefanten einfach nur noch auf ihrem Handy lassen. Und Frau Lombardi wird schlicht und ergreifend keine Pferdebilder mehr posten. Der Sitz des Halfters wird ihr trotzdem schnurzpiepegal sein.

Was die Nichtwirksamkeit von Shitstorms nur unterstreicht, ist die Tatsache, dass diese Phänomene - wie jeder andere echte Sturm auch - einfach weiterziehen. Irgendwann ist den Shitstormern der eigene Shitstorm einfach zu egal und sie suchen sich von ganz alleine ein neues "Opfer": "Schaut euch dieses Bild an, auf dem ein Kind einen Fisch unter Wasser drückt! Das arme Tier!!!"

Ein Shitstorm stiehlt uns einfach nur wertvolle Zeit

Kurzum: Es gibt doch für uns Otto-Normalos gar keinen Grund, sich mit Shitstorms auseinanderzusetzen. Das kostet einfach nur wertvolle Zeit unseres Lebens. Deshalb habe ich für mich eine ganz simple Strategie entwickelt: Shitstorms gegen alles und jeden gehen mir – wie passend – komplett am Arsch vorbei. Denn Shitstorms sind nicht mehr als eine Ansammlung von Leuten, die eh alles besser wissen und besser können. Immer. Allerdings konnten selbst die besten Shitstormer mir noch nicht erklären, warum sie, wenn sie doch so allwissend und allkönnend sind, die ganze Zeit vor den Sozialen Medien im Netz herumhängen und ihre Zeit damit verschwenden, nach Aufregern zu suchen, anstatt die Welt zu retten, den Klimawandel aufzuhalten, Trump abzuwählen oder die aktuelle Hitzewelle abzuschalten.

Sollten Sie also mal wieder mitten in einen Shitstorm geraten oder darüber nachdenken, sich an einem zu beteiligen, versuchen Sie zum Ausgleich doch einfach folgendes: Lehnen Sie sich zurück. Schalten Sie den Rechner/das Handy/Was-auch-immer einfach mal aus und machen Sie etwas Sinnvolles fernab virtueller Realitäten. Sie glauben gar nicht, wie schnell so etwas vermeintlich Wichtiges wie ein Shitstorm vollkommen scheißegal wird.

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pap/kns/news.de
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