13.04.2014, 09.00 Uhr

Durchgehört: Zu schön, um heiß zu sein

Das Landleben ist eine wichtige Inspirationsquelle für Mighty Oaks, auch wenn sie jetzt in Berlin leben.

Das Landleben ist eine wichtige Inspirationsquelle für Mighty Oaks, auch wenn sie jetzt in Berlin leben. Bild: Bowen Ames/UniversalMusic

Von news.de-Mitarbeitern Sven Wiebeck und Michael Kraft

Die Mighty Oaks legen mit Howl ein Debüt auf hohem Niveau vor.

Die Mighty Oaks legen mit Howl ein Debüt auf hohem Niveau vor. Bild: Belle Music

«Die Platte kommt auf jeden Fall mit in den Surfurlaub!» Passt, dieser Satz einer Freundin. Auch wenn die Mighty Oaks und ihr Debütalbum «Howl» musikalisch und optisch eher im amerikanischen Nordwesten als auf Hawaii (oder Fuerteventura) verortet sind. Könnte daran liegen, dass Sänger und Gitarrist Ian Hooper aus der Ecke Seattle kommt. Bassist Craig Saunders ist Brite, Pianist und Gitarrist Italiener. Gemeinsam hat sich das Multikulti-Trio in Berlin niedergelassen.

Die Herkunft des Frontmannes ist aber jeder Note und Textzeile des sehnsuchtsvollen Indie-Folks anzuhören. Die Natur ist ein zentraler Bezugspunkt, selbst wenn Hooper neben Freiheit, Gemeinschaft und Ursprünglichkeit einen hauptstädtischen Hinterhof besingt. Mit Akustikklampfen, Banjo, Mandoline und Akkordeon kreieren die Mighty Oaks wunderschöne Bilder von unendlich weiten Landschaften. Am meisten Spaß machen sie aber, wenn sich Schlagzeug und Stromgitarre zu Schellenkranz und den diversen «Ooohs» gesellen – und die auf langer Rille allzu wohlige Wärme von Lagerfeuerromantik und Flanellhemden dynamisch durchdringen (höre «Brother» oder «Back To You»). Ein angenehmer Unterschied zu den meist schwermütig-getragenen Werken der vielen anderen vollbärtigen Folkbarden.

In sich ist das alles sehr stimmig, doch eben das die Krux: Die zwölf Songs sind einfach schön – und sich sehr ähnlich. Es fehlen echte Höhepunkte, die klare Harmonie geht auf Kosten eines wirklich aufregenden Spannungsbogens. Ian Hoopers Stimme hat durchaus Wiedererkennungswert, aber nur selten (etwa bei dem wunderbaren «The Golden Road») zeigt der Sänger, welches Spektrum sein leicht heiseres Timbre umfasst. Grund zum Heulen gibt's trotzdem nicht: Wenn auch kein mächtiges Stück Musik für die Ewigkeit, ist «Howl» ein Debüt auf hohem Niveau. Und es werden sich viele Naturfreunde finden, die ungeduldig die Jahresringe bis zum Zweitwerk zählen.

Interpret: Mighty Oaks
Album: «Howl»
Plattenfirma: Vertigo

Reichlich Gänsehautmomente bietet das sechste Album von Elbow.

Reichlich Gänsehautmomente bietet das sechste Album von Elbow. Bild: Belle Music

Melancholie, dein Name ist Elbow. Auch auf «The Take Off And Landing Of Everything», dem mittlerweile sechsten Werk der eingeschworenen Clique aus Manchester, beschert diese dem geneigten Hörer wieder den einen und anderen Gänsehautmoment. Ist es nun Guy Garveys warme Stimme, welche die Haare an den Armen immer wieder den Aufstand proben lässt? Sind es seine poetischen Texte? Meist eindringlich emotional, vereinzelt subtil politisch. Oder sind es die orchestralen Klänge, die Bluesfolk-Elemente mit akzentuierter Gitarre, klassischer Orgel und Streichern zu einem ungemein dichten Teppich verweben? Sehr wahrscheinlich alles.

Am besten sind diese Höhepunkte aber, wenn man sich ihnen einzeln hingibt, um sie voll und ganz zu genießen. «Charge» ist so einer, «New York Morning» und natürlich «Fly Boy Blue/Lunette». Diese drei machen auch am Stück noch extrem viel Spaß, immer wieder. Ihre reduzierten und dennoch komplexen Rhythmusstrukturen, die von sich stetig aufbauenden, am Ende riesigen Melodien und stürmischen Arrangements überlagert werden. Mit der Dauer erschöpft sich dieses Prinzip des getragenen Sounds aber, schwebt «The Take Off And Landing Of Everything» nicht mehr, sondern wabert etwas unentschlossen umher.

An der Produktion von Keyboarder Craig Potter liegt es nicht, die ist brillant. Anders als bisher, entstanden die Songs diesmal nicht allesamt im Kollektiv im Proberaum. Was wäre wohl dabei herausgekommen, wenn die Band dem zu Beginn des von Bass und Drumcomputer geprägten «Honey Sun» kurz anklingenden Drang zum Jammen tatsächlich nachgegeben hätte? Zudem lebte Garvey während der Entstehung des Albums gerade zwischen New York und England. Wovon seine bildhaften Texte zeugen: vom Unterwegssein, von Sehnsucht und Heimat. «The Take Off And Landing Of Everything» ist beides: ein Refugium inmitten des stressigen Gewusels der Großstadt mit Mauern aus Kopfhörern und der Soundtrack zum in die Ferne schweifenden Blick. Oder einfach nur perfekte Rotwein-Musik.

Interpret: Elbow
Album: «The Take Off And Landing Of Everything»
Plattenfirma: Fiction

Seiten: 12
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