12.12.2018, 16.21 Uhr

Neurodermitis: Wenn die Haut in Flammen steht

Neurodermitiker müssen sich immer gut pflegen. Salben für sensible Haut (z. B. von Avène) werden von vielen gut vertragen.

Neurodermitiker müssen sich immer gut pflegen. Salben für sensible Haut (z. B. von Avène) werden von vielen gut vertragen. Bild: Avène

Von news.de-Redakteurin Fabienne Rzitki

Annabelle N. blickt schmerzverzerrt. Sie presst die Hände unter den Hintern, um dem Drang, sich zu kratzen, nicht nachzugeben. Die Haut an den Händen juckt unerträglich. An einigen Fingern ist sie aufgerissen und schmerzt. «Ich halte das nicht mehr aus. Ich will mich jetzt kratzen», sagt sie mit zusammengekniffenen Augen, reißt sich aber zusammen. Dann schaut sie panisch nach ihrer Kortisonsalbe, die sie schließlich findet und sich damit die Hände einschmiert.

Würde Annabelle sich jetzt kratzen, wäre das für sie eine kurzzeitige Erleichterung. Sie scharrt sich dann so lange, bis es blutet. «Es ist wie ein Zwang. Ich kann dann nicht aufhören», sagt die junge Frau.

Das Leben wird zur Qual

In Annabelles Haut möchte niemand stecken. Sie hat Neurodermitis, eine chronische, erblich bedingte Hautkrankheit, die in Schüben kommt und das Leben der 33-jährigen Mutter immer wieder zum Stillstand bringt. Jeder Handgriff quält - Geschirr abspülen, sich anziehen, die Haare bürsten. Aber auch in beschwerdefreien Zeiten muss sie aufpassen. Sie darf nicht scharf essen, keine Pflegeprodukte mit Konservierungsstoffen benutzen, nicht baden und sie muss Handschuhe bei der Hausarbeit tragen.

Annabelle traut sich oft nicht nach draußen aus Angst, dass sich die Leute vor ihr ekeln. Durch die lange Krankheit sieht ihre Haut alt und faltig aus. Sie ist großporig und unterschiedlich pigmentiert.

«Wenn ich einen Schub habe, kann ich nicht zur Arbeit gehen», sagt sie. «Das ist wie ein Teufelskreis. Da ich stundenweise für meine Arbeit bezahlt werde, fehlt mir am Ende das Geld.» Diese Situation belastet die junge Frau so sehr, dass sie dadurch wiederum neue Schübe befürchten muss, denn ihre Neurodermitis ist psychisch und hormonell beeinflusst.

Was ist Neurodermitis?

Bei der Neurodermitis handelt es sich um eine Entzündungsreaktion der Haut. «Sie gilt als die häufigste entzündliche Hautkrankheit im Kindesalter. Neurodermitis ist chronisch und nicht ansteckend», erklärt Professor Johannes Ring von der Technischen Universität München.

Oft beginnt sie in den ersten beiden Lebensjahren. Sie kann aber auch im Erwachsenenalter auftauchen. «Etwa jedes fünfte Kind ist betroffen, bei den Erwachsenen sind es drei bis fünf Prozent», sagt Ring gegenüber news.de. Der Hautexperte berichtet, dass die Neurodermitis seit Neuestem auch bei immer mehr älteren Menschen auftaucht. Weshalb es eine Altersverschiebung gibt, sei unklar.

Bei Annabelle begann der Leidensweg schon früh. Wie alt sie war, kann sie heute nicht mehr sagen. Aber sie weiß aus Erzählungen ihrer Mutter, dass sie bereits als Kleinkind eingerissene Mundwinkel hatte, die Armbeugen und Knie mit dem Ekzem überzogen waren. «Es gibt sogenannte Hauptstellen, an denen die Neurodermitis immer auftaucht. Sie kann sich aber auch ausbreiten», sagt Ring. Woran das genau liegt, weshalb und wann die Neurodermitis in Schüben kommt, sei noch nicht bekannt - ebenso wenig wie die ihr zugrundeliegenden Ursachen.

Mögliche Auslöser sind vielfältig

Man wüsste aber, dass viele Faktoren eine Rolle spielen. «Zum einen wird sie durch eine Fehlreaktion des Immunsystems ausgelöst. Allergene können dafür die Ursache sein», so Ring. Heute wisse man, dass Betroffene außerdem eine gestörte Barrierefunktion der Haut aufweisen. Das Protein Filaggrin in der obersten Epidermis sei defekt. Dadurch wachsen die Zellen nicht mehr so gut zusammen wie bei gesunden Menschen. Bakterien, Viren und Allergene können eindringen und das Immunsystem zu einer falschen Reaktion veranlassen.

Es gibt noch weitere Auslöser: «Zweifelsohne ist die Neurodermitis auch psychosomatisch stark beeinflussbar», sagt Ring. Nicht außer Acht lassen könne man zudem die Ernährung. Bestimmte Lebensmittel wie Milch, Nüsse oder Mehl lösen ebenfalls allergische Reaktionen aus. Hormone sind weitere mögliche Faktoren. «Darüber wissen wir noch sehr wenig», sagt Ring. Für die Forscher seien die Fälle noch paradox. So haben einige Patientinnen nur während der Schwangerschaft Neurodermitis. Andere wiederum sind absolut symptomfrei.

Neue Hoffnung durch Hyposensibilisierung

Für Betroffene wie Annabelle gibt es aber Hoffnung: Hyposensibilisierung und ganzheitliche Therapieansätze können das Leben mit der Krankheit leichter machen. Die Hyposensibilisierung, die in der Allergietherapie zum Einsatz kommt, hat laut Ring viele Patienten längere Zeit symptomfrei gemacht. Mehrere Studien belegten das. «Seit feststeht, dass Allergien Auslöser sein können, testen wir entsprechend. 30 bis 40 Prozent der Patienten reagieren positiv auf Tests», sagt der Arzt.

Bei der Hyposensibilisierung wird der Körper allmählich an die Allergie auslösenden Stoffe gewöhnt - anfangs in kleinen, fast homöopathischen Dosen in Form von Spritzen oder Tropfen. So kommt das fehlgeleitete Immunsystem wieder aufs richtige Gleis. Welche Dosen man brauche, müssten die Forscher noch herausfinden. «Ebenso wie sich das Mittel zusammensetzt, damit es dem Immunsystem auch schmeckt», erklärt Ring. Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

Das Vertrackte: Sind Hausstaubmilben die Ursache, wird es schwierig. Sie befinden sich überall - zu Hause, im Hotel. «Eine Hyposensibilisierung kann in diesem Fall die Neurodermitis verschlimmern. Deshalb schicken wir die Patienten in das allergenarme Klima von Davos in eine Hochgebirgsklinik. Dort gibt es keine Milben», erklärt der Experte. Die Krankenkasse bezahlt die Behandlung.

Ganzheitliches Konzept erzielt gute Erfolge

Die Hyposensibilisierung wird, wenn Allergene Auslöser sind, in ganzheitliche Konzepte wie das Patientenmanagement von Ring integriert: Je nachdem welche Faktoren für  die Neurodermitis in Frage kommen, wird eine auf den Patienten abgestimmte Therapie erarbeitet. Sind psychische Auslöser bekannt, kann eine Verhaltenstherapie in Kombination mit einer psychosomatischen Beratung oder Autogenem Training helfen.

Auch eine Ernährungsberatung und Medikamente können zur Therapie gehören. «Bei  Bakterien als Auslöser verabreichen wir Antibiotika oder Antiseptika, also antimikrobielle Salben», sagt Ring. Parallel dazu verschreibt er milde Kortisonsalben mit niedrigen Potenzen oder Cremes mit Kortisonersatz.

Viele Neurodermitiker wissen nichts von entsprechenden Patientenmanagement-Angeboten. In der Regel greifen sie auf Salben zurück und versuchen ihren Alltag nach ihrer Krankheit auszurichten, so auch Annabelle. Nun will sie nach mehr als 30 Jahren ihren ersten Allergietest machen lassen und auch eine Neurodermitisschulung besuchen.

Diese gibt es laut Ring in jeder größeren deutschen Stadt: «In unserer Beratung geben wir viele praktische Tipps, zeigen den Betroffenen, wie sie sich richtig eincremen, ernähren und entspannen.» Die Kassen erstatten die Kursbeiträge, die Ring zufolge viele Patienten über lange Zeit beschwerdefrei machen. Der Patient wird in die Lage versetzt, eventuell neu auftretenden Krankheitsschüben selbst erfolgreich zu begegnen.

Dieser Text entstand unter Beratung von Professor Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring,
Haut- und Allergieklinik Biederstein der Technischen Universität München, Christine Kühne - Center for Allergy Research and Education (CK-CARE)
. Er ist Wissenschaftler, praktizierender Arzt und Hochschullehrer.

zij/sis/news.de
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