26.10.2009, 09.31 Uhr

Hypochondrie: Die Angst, todkrank zu sein

Schwierige Aufgabe für Ärzte: Hypochonder erkennen und im Krankheitsfall zu behandeln.

Schwierige Aufgabe für Ärzte: Hypochonder erkennen und im Krankheitsfall zu behandeln. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Jörn Schäller ist sich sicher: Er hat Lungenkrebs. Die Diagnose hat der 35-jährige Hamburger von einem Webportal. Der anhaltende Husten, die Schmerzen in der Brust und das Schwächegefühl sind typische Symptome, hat er dort gelesen. Dass sich sein Verdacht später als unbegründet erweist, kann ihn kaum beruhigen. Er leidet Todesängste. Schäller ist ein Hypochonder.

«Hypochondrie ist die meist unbegründete Befürchtung, krank zu sein oder krank zu werden», sagt Professor Volker Faust vom Arbeitskreis Psychosoziale Gesundheit und Facharzt für Neurologie in Ravensburg. Dabei seien die Betroffenen organisch oft völlig gesund. Am häufigsten sei die Furcht vor einem Tumor, vor Leukämie und Herzinfarkt – vor Krankheiten also, die tödlich enden können. «Das kann seinen Schwerpunkt wechseln, je nach Wertigkeit solcher Erkrankungen in der jeweiligen Zeit und Gesellschaft», sagt Faust.

Ursache für eine Hypochondrie können schlimme Erfahrungen in der Kindheit sein, etwa ein krankes Familienmitglied, ein tragischer Unfall oder der Tod eines geliebten Menschen. Viele Betroffene stammen aus einem überbehütenden, ängstlichen Elternhaus. «Aus der Sicht der Psychoanalyse verhält sich der Hypochonder so, als ob er den Feind im eigenen Körper entdeckt habe», erklärt Faust. Das «Böse» werde aber nicht nach außen, sondern in den eigenen Körper verlegt.

Jeder 14. Deutsche hat Krankheitsängste

Schätzungsweise rund sieben Prozent der Deutschen leiden unter Krankheitsängsten, betroffen ist also jeder 14. Bürger. Das ergaben Untersuchungen am Psychologischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Auch Promis wie Jürgen von der Lippe, Cordula Stratmann und nicht zuletzt der Komiker Harald Schmidt gelten als bekennende Hypochonder, wobei Schmidt in seinen Shows hin und wieder mit seinen Gesundheitsbefürchtungen kokettiert.

Das klingt für manchen amüsant, ist für Betroffene oft aber bitterer Ernst. Denn Hypochondrie ist keine Marotte, sondern eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung. «Der Hypochonder leidet tatsächlich an einer Krankheit, nämlich an seiner Hypochondrie», zitiert Faust einen medizinischen Kalauer, der laut dem Experten aber doch ein Quäntchen Wahrheit enthält. Oft führe die Furcht der Patienten in einen Teufelskreis: «Die Angst vor einer Krankheit verschlimmert die Symptome dann tatsächlich», sagt Faust. Beruf und Familie bleiben auf der Strecke, weil sich für die Betroffenen alles nur noch um die eigene Gesundheit dreht.

«Die verhängnisvollste Konsequenz lässt sich letztlich mit zwei Begriffen umschreiben: Rückzug und Vereinsamung», sagt Faust. Die Folge seien Angststörungen und depressive Verstimmungen, die den Endzustand charakterisierten: «das schier hoffnungslose Versinken in der eigenen Krankheitswelt, was sogar dazu führen kann, zuletzt Hand an sich zu legen», so der Mediziner. Allerdings sei das die Extremform. In der überwiegenden Mehrzahl handele es sich um leichtere hypochondrische Befürchtungen, die viele Menschen kennen - und zumeist leidlich damit fertig werden. «Die meisten reden ohnehin nicht darüber, um sich nicht zu blamieren. Dabei wäre es günstiger, sie würden es ausdiskutieren», sagt Faust.

Warum viele Hypochonder eher Cyberchonder sind

Rat suchen Hypochonder seit einigen Jahren vermehrt im Internet. «Das Internet ist oft die erste Anlaufstelle für Menschen mit Krankheitsängsten – die Hemmschwelle ist hier einfach niedriger», sagt die Psychologin Gaby Bleichhardt, die an der Mainzer Universität zu dem Thema forscht. Die Gefahr sei dabei, dass sich im Netz zu jedem Symptom gleich eine passende Krankheit als Erklärung finden lasse. «Dadurch verschlimmert das Internet die Ängste der Betroffenen oft noch.» Hypochonder erhielten so im Handumdrehen passende Belege für ihren Krankheitsverdacht, deren Wahrheitsgehalt sie kaum einschätzen können: Bauchschmerzen deuten dann auf ein Magengeschwür hin, und ein Kribbeln in den Fingern wird zum ersten Anzeichen von Multipler Sklerose.

US-Forscher wie Brian Fallon von der Columbia Universität in New York haben für dieses Phänomen schon ein neues Fachwort erfunden: Cyberchondrie. Fallon zufolge ist der Hypochonder von heute meist ein Cyberchonder. Betroffene tun nichts Anderes mehr, als im Internet ihre Symptome zu prüfen.

Eine Verhaltenstherapie kann helfen

Schäller, der eine Selbsthilfegruppe gegründet hat, kann das bestätigen: «Das ist eine unendliche Spirale. Ohne die nötige Disziplin, den PC rechtzeitig auszuschalten, kann das schnell zur Sucht werden.» Er hat sich schließlich zu einer Verhaltenstherapie durchgerungen. Kein leichter Schritt, denn wie viele Betroffene war Schäller fest von seinen körperlichen Leiden überzeugt. Die Hilfe eines Psychotherapeuten aufzusuchen, erschien ihm wenig einleuchtend.

Bleichhardt kennt solche Vorbehalte. An der Universität Mainz gibt es ein spezielles Behandlungskonzept , das sich bereits bewährt habe, sagt sie. Bei der Behandlung werde unter anderem versucht, die Zahl der Arztbesuche zu reduzieren. In einer Verhaltenstherapie sollen die Patienten lernen, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, erklärt die Forscherin. Die ständige Selbstkontrolle des Körpers solle dabei nachlassen.

Laut Bleichhardt ist nicht jeder gleich ein Hypochonder, der aus Sorge über eine mögliche Erkrankung im Netz nach Symptomen sucht. «Denn Angst vor Krankheiten hat wohl jeder. Krankhaft wird diese Angst erst, wenn sie Betroffene über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr ständig beschäftigt.»

kat/news.de/dpa
Themen: Psychologie
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