Nazi-Vergangenheit überall

Adolf Hitler und sein Minister Joachim von Ribbentrop: Das Auswärtige Amt hatte ein eigenes Judenreferat, das DIII.

Adolf Hitler und sein Minister Joachim von Ribbentrop: Das Auswärtige Amt hatte ein eigenes Judenreferat, das DIII. Leiter Franz Rademacher schrieb «Liquidation von Juden» in seine Spesenrechnung. Doch die Geschichte des AA war in Deutschland jahrzehntelang tabu. Erst als 2003 aufflog, dass Nazi-Schergen noch immer mit Nachrufen vom Ministerium versorgt wurden, kam Bewegung auf. Joschka Fischer verbot die Nachrufe, eine Historikerkommission arbeitete vier Jahre lang auf. Seit Oktober 2010 ist der Bericht da, der den Mythos von Widerstand und ehrenvollen Beamten pulverisiert. Und aufdeckt, wie NS-Mitarbeiter in der BRD protegiert wurden.

Adolf Hitler und sein Minister Joachim von Ribbentrop: Das Auswärtige Amt hatte ein eigenes Judenreferat, das DIII. Eine braun schillernde Persönlichkeit der frühen Bundesrepublik war auch Reinhard Gehlen, der als Wehrmachtsgeneral unter Hitler für die Spionage im Osten zuständig war. Stefan Quandt ist der Enkel des Imperium-Gründers Günther Quandt. Welche Rolle sein Großvater im Nazireich spielte, hat er von einem Historiker aufarbeiten lassen. Dass auch bei Hugo Boss für Hitler produziert wurde, ist schon lange bekannt. Kürzlich erschien das Buch des Wirtschaftshistorikers Roman Köster, der die Geschichte unter die Lupe nimmt. Die IG Farben war aufs Engste mit dem NS-Regime verwoben, baute beispielsweise ein Werk bei Auschwitz, in dem KZ-Häftlinge arbeiteten und beschäftigte allein zwischen 1943 und 1945 35.000 Zwangsarbeiter, von denen 23.000 starben. Die Degesch, eine Tochtergesellschaft der IG Farben und Degussa, stellte Schädlingsbekämpfungsmittel her - und das Vernichtungsgas Zyklon B, mit dem in Auschwitz-Birkenau der Massenmord vollzogen wurde. Drei Jahre saß Friedrich Flick im Knast, sieben hatte ihm das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal eigentlich aufgebrummt. Zwischen 1975 und 1985 hatte Flicks Sohn das Konglomerat an die Deutsche Bank verkauft. Die Bank selbst ließ ihre Vergangenheit 1997 von einer Historikerkommission aufarbeiten. Extrem schwer tat sich lange Zeit der Bund der Vertriebenen mit seiner Vergangenheit - verschrieen als Bund der Ewiggestrigen und Revisionisten. Bis November 2011 hat der Alpenverein gebraucht, seine braungetränkte Geschichte aufzuarbeiten. Nun liegt das 600-seitige Werk vor, das von einer Ausstellung in München begleitet wird. ... ist die Nazi-Vergangenheit vielfach noch nicht umfassend durchleuchtet. Schalke 04 war im Jahr nach seinem 100. Geburtstag der erste Fußballclub. Ein erstaunliches Beispiel für NS-Vergangenheit ist der Deutsche Behindertensportverband, der 1951 als «Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensport» entstand. Schwedens Königin Silvia konnte im August 2011 aufatmen: Ihr deutscher Vater Walther Sommerlath war kein Nazi-Profiteur, wie es ein schwedischer Sender berichtet hatte.
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